Siebenter Vortrag
Sie sehen, was gesucht werden muß: gesucht werden muß der Mensch als solcher. Man muß in seine Seelenverfassung hereinbekommen eine lebendige Anschauung von dem Menschen als solchem. Wir haben eine westliche Naturwissenschaft, die hat die Tierreihe. Da haben wir zuerst einfache Tiere, dann immer kompliziertere Tiere, die letzten komplizierten gehen auf vier Beinen, dann richten sie sich auch einmal auf, werden senkrecht statt waagerecht — nun, da ist dann ein höchstes Tier, das nennt man Mensch. Man hat eigentlich nur die Tierreihe, und der Mensch ist eben das höchste Glied in der Tierreihe. Also man betrachtet nicht den Menschen von seiten der Naturwissenschaft. Aber auch nicht von seiten der Sozialwissenschaft, denn da betrachtet man dasjenige, was der als Privateigentum an sich hat, und dasjenige, was der wirtschaftende Automat ist. Der Mensch fällt aus der sozialen Betrachtung, der sozialen Naturbetrachtung heraus. Das Eigentümliche der modernen Menschheit ist ja, daß sie gar nicht bemerkt, daß gar nichts Menschliches da ist. Es ist gar nichts Menschliches da. Daher entsteht ein gewisses Bedürfnis. Denken Sie sich doch einmal, die Menschen leben im äußeren sozialen Leben. Nehmen wir an, sie leben so, wie Adam Smith sie betrachtet, denn daß er diese Anschauung geäußert hat, rührt ja nur davon her, weil er eben dasjenige gesagt hat, wonach das Denken zahlreicher Menschen tendiert. Denken Sie sich, die Menschen schauen sich nun als Westländer ihr soziales Dasein an: sie sind ja gar nicht da! Privateigentum ist da und ein wirtschaftlicher Automat; die Menschen sind ja gar nicht da. Wie soll man denn aus diesem Begriff vom Menschen irgend etwas, was jenseits von Geburt und Tod liegt, herausbekommen? Das muß man sich dann schon auf Autorität hin sagen lassen. Und indem solche Begriffe immer weiter und weiter ihre Blüten getrieben haben, kam es eben so, daß mit Bezug auf das Geistige alles nach und nach unter Autorität gestellt worden ist, ja, daß die Menschen auch eine gewisse Abneigung haben, über das Geistige irgendwie zu denken. In der modernen proletarischen Wissenschaft ist das dann weiter aufgenommen worden. Nur hat die dann Ernst damit gemacht und hat gesagt: Ja, nun haben die Bourgeois über den Menschen nachgedacht, aber es ist doch gar nichts da vom Menschen; Privateigentum ist da und der wirtschaftende Automat ist da. Also reden wir nicht von diesem Firlefanz von einem besonderen Menschen, sondern reden wir bloß von wirtschaftlichen Kräften; die bringen alles hervor. Machen wir Ernst mit dieser Anschauung! Die anderen machen nicht Ernst; die ganze Woche hindurch reden sie, als wenn es bloß Privateigentum und wirtschaftliche Freiheit des Automaten gäbe, und am Sonntag lassen sie sich predigen, daß es auch eine unsterbliche Seele gibt.
Cite:
GA 202/1920-12-11/p020 · edition original