{"corpus":"steiner","locus":"GA 202/1920-12-12/p007","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wie sollte denn auch eine Weltanschauung wie diejenige, die sich in dem Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte und schon länger herausgebildet hat und die, selbst wenn sie noch so religiös-spiritualistisch ist, doch, sobald sie vom Abstrakten loskommt, praktisch das seelisch-geistige Leben eng an das physische gebunden fühlt, wie sollte denn eine solche Betrachtungsweise hinauskommen über dieses bloße Verfolgen der Generationenreihe, der Generationenentwickelung! Aber hier ist es gerade, wo Ernst gemacht werden muß mit dem, was uns die anthroposophischen Erkenntnisse geben. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir ja nicht bloß hinblicken auf den Menschen oder auf eine Anzahl von Menschen der Gegenwart, insofern dieser Mensch oder diese Menschen die von den unmittelbar vorangehenden Generationen vererbten Merkmale haben, sondern wir müssen uns praktisch klar sein darüber, daß in jedem einzelnen Menschen ein Seelisch-Geistiges vorhanden ist, das ja eine lange Zeit in der geistig-seelischen Welt durchlebt hat, bevor es in diesen physischen Leib hereingekommen ist. So daß, wenn wir einen gegenwärtigen Menschen vor uns haben, wir uns sagen müssen: Wir sehen ihn leiblich an; da trägt er allerdings die vererbten Merkmale, von den früheren Generationen herrührend. Aber wir sehen ihn auch geistig-seelisch an. Da trägt er in sich eine Seele, die ja zunächst gar nichts zu tun hat mit den unmittelbar vorangehenden Generationen, die auch mit weiter zurückliegenden Generationen nicht viel zu tun hat, die in einer sehr viel früheren Zeit als die jetzige hier auf der Erde war, die also, während eine ganze Reihe von Generationen sich entwickelt hat, gar nicht im unmittelbaren Zusammenhange mit der Erdenentwickelung gestanden hat, die, während diese Generationen abgelaufen sind, in der geistig-seelischen Welt war. Es ist ja einmal eine Einseitigkeit, den Menschen nur nach den in der Generationenfolge vererbten Merkmalen zu betrachten. Es ist ja schließlich auch nur eine Illusion, wenn man den Menschen oder das geschichtliche Werden so betrachtet. Man redet sich eigentlich nur ein, daß man die Dinge verstünde; man versteht sie in Wirklichkeit gar nicht. Man theoretisiert darüber, das oder jenes, was die Menschen in der Gegenwart machen, wie sie sich darleben, das rühre von den oder jenen vererbten Qualitäten her. Aber würde man unbefangen genug sein dazu, so würde man an unzähligen Stellen, ja überall sich sagen müssen: Was man da annimmt als von Generation zu Generation sich fortentwickelnde physische Qualitäten, das erklärt irgendeine Lage der Gegenwart durchaus nicht, weder beim einzelnen Menschen, noch bei irgendeinem volks- oder rassenmäßigen Zusammenhang der Menschen. Wenn man zur Wirklichkeit kommen will, wenn man nicht in dieser Abstraktion stehenbleiben will, die, wenn sie auch materialistisch ist, dennoch nur eine Abstraktion ist — eben eine materialistische Abstraktion -, dann muß man Rücksicht darauf nehmen, wie dasjenige, was sich in der Gegenwart darlebt, neben dem, was in der Blutsströmung zurückliegt, sich erklärt aus dem, was in den Kräften der Seelen liegt, die eine lange Zeit hindurch in der geistigen Welt gelebt haben, bevor sie zur Wiederverkörperung in diese Leiber heruntergestiegen sind.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Achter Vortrag","site_heading":null,"date":"1920-12-12","location":null,"word_count":485,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/202/1920-12-12/p007","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/202/1920-12-12/p007"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/202/1920-12-12/p007","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}