Achter Vortrag
Wir können also die Generationenfolgen betrachten von der jetzigen Zeit ab bis ins Mittelalter zurückgehend; da bekommen wir die physisch vererbten Merkmale. Aber wenn wir das als die volle Wirklichkeit betrachten, wiegen wir uns in Illusionen. Wir haben ein Abstraktum, wenn wir die gegenwärtigen Westvölker Europas bis sehr weit herein in das Mitteleuropäische und, immer wiederum alles durchsetzend, sogar bis nach Osteuropa hinüber, nur so betrachten, daß wir sagen: Diese Nationen haben ihre Merkmale von den vorhergehenden Generationen und so weiter. Das ist eben nicht allein der Fall, sondern es sind in diese Leiber, die das Blut der Vorfahren in sich tragen, namentlich in das Gros der Bevölkerung eingezogen die westlichen Seelen; Seelen also, welche durch ihre innere Entwickelung noch nichts von dem christlichen Impuls hatten, die im wesentlichen eine Art pantheistischen Impulses in sich trugen. Durch die Erziehung in den ersten Wochen schon, die sie in ihrer Umgebung verbrachten — denn gerade die äußere Kultur, die äußere Zivilisation pflanzt sich in geradliniger Weise von Generation zu Generation fort, nicht aber die inneren Impulse der Seele -, nahmen diese Menschen von außen her das Christentum an; von außen her wurden sie geformt zu dem, als was sie uns heute oftmals einzig und allein erscheinen. Wer aber unbefangen ist und auf die Menschen hinsieht, wer sie betrachtet so, daß er mit seinem Blick sie wirklich charakterologisch durchdringt, der sieht in ihnen pulsieren, was mit den Seelen in sie herübergekommen ist.
Cite:
GA 202/1920-12-12/p012 · edition original