Achter Vortrag
Wir müssen ja immer unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha, wie es als Tatsache dasteht, und den verschiedenen Interpretationen, die es im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Denn diese Tatsache kann von jedem Zeitalter in einer neuen Weise interpretiert werden, und es wäre Unsinn, irgendeine Lehre über das Mysterium von Golgatha zu identifizieren mit dem Tatsächlichen des Mysteriums von Golgatha. Ich brauche Ihnen das nur durch einen Vergleich klarzumachen. Denken Sie sich, wir hätten einen sehr genialen Menschen. Dann wäre da ein Kind, ferner ein mittelmäßiger, alles nivellierender, etwas spießiger Mensch, eben ein Mittelmensch, und drittens ein auch zur Genialität veranlagter Mensch. Alle drei haben dasselbe vor sich: Die reale Wirklichkeit des genialen Menschen. Das Kind wird irgendeine Erklärung haben für das, was der geniale Mensch tut. Der Philister, der alles nivellieren will, wird auch eine Erklärung haben, und der ebenfalls mit genialen Eigenschaften veranlagte Mensch wird eine andere Erklärung haben. Sie haben alle drei mit derselben Wirklichkeit zu tun, ihre Erklärungen sind aber ganz verschieden, und man ist nicht berechtigt, das eine oder das andere zu identifizieren mit der tatsächlichen Wirklichkeit. Ebenso darf man nicht die Lehren des ersten Christentums identifizieren mit der Tatsächlichkeit des Christentums. Diese Lehren der ersten christlichen Jahrhunderte waren herübergekommen aus dem Orient. Man hat eigentlich gelernt, was orientalische Weisheitslehren waren, und hat diese benützt, um das Mysterium von Golgatha zu erklären. Es ist natürlich nur eine furchtbare Tyrannis, wenn die sich fortentwickelnde Kirche diese Lehren als die allein gültigen ansieht, denn sie sind nichts anderes als das, wonach ein Zeitalter nach seinen Vorbedingungen das Mysterium von Golgatha erklärt hat. Andere Zeiten können dieses Mysterium von Golgatha anders erklären. Wir müssen es geisteswissenschaftlich erklären, um den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden.
Cite:
GA 202/1920-12-12/p016 · edition original