Achter Vortrag

GA 202/1920-12-12/p019 ·1920-12-12 · original (original)
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Sie sehen, wenn man hinzufügt, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann, zu demjenigen, was nur die äußere anthropologische Betrachtungsweise liefert, dann gewinnt man ein Bild der Wirklichkeit. Aber man muß Ernst machen mit dem, was anthroposophische Geisteswissenschaft geben kann. Man darf sich nicht genügen lassen mit dem Theoretischen, das nur auseinandersetzt, daß wir eben wiederholte Erdenleben haben. Man muß die Wirklichkeit, die äußere Wirklichkeit praktisch im Sinne dieser Erkenntnis anschauen, dann können diese Erkenntnisse auch allmählich in das sozial-praktische Leben hinein ihre rechten Früchte tragen. Es wird durchaus so sein müssen, daß diejenigen Menschen, die sich an eine Weltanschauung klammern, die nur auf die äußere Naturordnung Rücksicht nimmt, die also die Menschheit dazu führt, bloß anthropologisch zu sein, bloß dasjenige in Betracht zu ziehen, was von Generation zu Generation physisch sich weitervererbt, daß solche Menschen immer mehr und mehr vor Rätseln stehen werden. Man kann sich lange Zeit Illusionen hingeben über diese Rätsel. Man kann glauben, daß man irgend etwas versteht von dem Menschheitsverlaufe; aber man gibt sich solchen Illusionen nur hin, weil man die Theorien hat, die einem eingepaukt worden sind seit der frühesten Jugend, so daß man gewissermaßen nur auf das hinschaut, nur für das Augen hat, was in der physischen Vererbungsfolge sich äußert. Aber es werden doch die Menschen nach und nach dazu kommen, sich zu sagen: Ja, aber da gibt es doch Tatsachen, die nicht hinwegzuleugnen sind, und die durchaus nicht erklärbar sind im Sinne dieser rein anthropologischen Ursächlichkeiten. — Wir müssen eben darauf Rücksicht nehmen, daß in irgendeiner Generation irgendeines Volkes der Gegenwart Seelen sind, die von ganz woanders herkommen, als etwa von den Urururgroßvätern desselben Volkes. Dem Volksegoismus mag das nicht gerade außerordentlich angenehm klingen, aber dieser Volksegoismus muß ja ohnedies schwinden, wenn die Menschheit eine entsprechende Entwickelung in die Zukunft durch machen soll. Und es muß schon darauf hingewiesen werden, daß ein großer Teil der europäischen Bevölkerung allerdings das Blut der mittelalterlichen Vorfahren fortpflanzt, aber Indianerseelen in sich trägt, daß diejenigen Seelen, die hier in Europa gelebt haben - ein großer Teil derselben zu Attilas Zeiten -, und die damals das Christentum angenommen haben, daß die uns nun in Asien drüben entgegentreten. Bis in gewisse gebildete Seelen hinein kann ja das bei unbefangener Beobachtung durchschaut werden. Allerdings, so geradlinig, so pedantisch abstrakt, wie man es heute gewohnt ist, darf man die Dinge nicht anschauen, wenn man auf Wirklichkeiten, wie sie hier gemeint sind, kommen will. Aber wenn man eben nicht seine Begriffe so abstrakt bildet, wie man es heute gewöhnt ist, sondern wenn man auf die Wirklichkeit kommen will, dann muß man von solchen Gesichtspunkten ausgehen, wie sie hier erwähnt worden sind. Dann wird man Verschiedenes herausfinden, was zwar wiederum paradox erscheint, was aber eben doch diese Wirklichkeit erklärt.

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Cite: GA 202/1920-12-12/p019 · edition original