Achter Vortrag

GA 202/1920-12-12/p021 ·1920-12-12 · original (original)
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Der griechische Gedenkspruch «Erkenne dich selbst» ist eben nicht nur an den einzelnen Menschen gerichtet und vor allen Dingen nicht bloß für eine triviale Selbstschau bestimmt, sondern er ist auch an die Menschheit gerichtet. Nur findet die Menschheit seine Beobachtung in der Regel unbequem. Aber wir kommen nicht vorwärts in unserer Zivilisation, wir kommen immer mehr und mehr abwärts, wenn wir nicht endlich mit dem Apollinischen Worte «Erkenne dich selbst» auch als Menschheit Ernst machen. Es hat ja allerdings etwas Unbequemes — solche Leute wie Kurt Leese, den ich im öffentlichen Basler Vortrage erwähnt habe, würden das «ärgerlich» und «aufreizend» finden -, wenn man den Menschen nicht bloß so kennenlernen soll, wie seine Nase aussieht, wie sein Mund aussieht, wie seine Augen aussehen, sondern wenn man ihn so kennenlernen soll, wie seine Seele aussieht. Aber würde sich denn der Einzug einer geistigen Weltanschauung in die Menschheit praktisch verwirklichen, wenn wir phrasenhaft in Abstraktionen reden würden von wiederholten Erdenleben und von dem sich durch die wiederholten Erdenleben verwirklichenden Schicksal, und dann zurückschrecken würden vor der praktischen Anwendung im Leben, wenn wir doch nichts anderes vom Menschen kennenlernen wollten, als ob er blonde oder schwarze Haare hat, ob er diese oder jene Form der Augenbrauen, diese oder jene Nasenform hat und so weiter? Wollen wir damit Ernst machen, daß eine geistige Weltanschauung sich in der Welt verbreite, dann muß dasjenige, was «Kennenlernen des Menschen» heißt, auch durchdrungen sein mit geistig-seelischen Impulsen, dann müssen wir uns nicht zurückhalten lassen von der Unbequemlichkeit, auch das Seelische des Menschen, unser eigenes und das der anderen Menschen, wirklich kennenzulernen. Dann müssen wir ebenso, wie auf die Nase, auf die seelischen Eigenschaften schauen, und darauf wird gerade der Menschheitsfortschritt von der Gegenwart aus in die nächste Zukunft beruhen, daß man nicht bloß auf die äußere Form der Nase sieht, sondern daß man von Seele zu Seele Beziehungen zwischen den Menschen gerade auf Seelenerkenntnis einrichtet. Was man die soziale Frage nennt, ist etwas viel Tieferes, als sich zahlreiche Menschen heute vorstellen. Diese Soziale Frage kann im Grunde genommen gar nicht einmal von ferne berührt werden, wenn man eine Menschenbetrachtung fortsetzen will, wie ich sie Ihnen gestern am Ende der Stunde angeführt habe, wo der Mensch völlig herausfällt und man nur redet von dem Privateigentum, das er bewirtschaftet, und von den wirtschaftenden Automaten. Weil man seit dem Rückgang der instinktiven Seelenerkenntnis verlernt hat, überhaupt hinzuschauen auf den Menschen, lebt sich heute das soziale Leben in dem menschlich Äußerlichsten aus. Das aber treibt an die Oberfläche gerade die Instinkte, die wildesten Instinkte. Die Menschheit würde in ein Leben der wildesten Instinkte verfallen, wenn nicht Geistig-Seelisches unser unmittelbares Menschenleben durchzöge. Dazu ist eben notwendig, daß wir neben der äußerlichen historischen Kausalität auch dasjenige sehen, was einfach in der Wirklichkeit der Erdenmenschheit dadurch da ist in der Gegenwart, daß die Nachkommen nicht bloß ihre physischen Vorfahren darleben, sondern auch die Seelen, die als diese oder jene seelisch-geistigen Entitäten zu dieser oder jener Zeit früher auf der Erde gelebt haben. In dieser Resultierenden, die sich ergibt durch die Eigenschaften der wiederverkörperten Seelen und der physischen Merkmale, lebt sich die menschliche Zivilisationswirklichkeit der Gegenwart wahrhaftig aus.

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Cite: GA 202/1920-12-12/p021 · edition original