Zehnter Vortrag
Das ist von der einen Seite die Sache betrachtet. Wir können sie nunmehr nach der Erkenntnisseite betrachten und Sie werden sehen, wie sich diese beiden Betrachtungen zusammenfügen werden. Man geht ja gewöhnlich so vor, daß man nur dasjenige Erkenntnis nennt, was man erkennend erlebt vom Aufwachen bis zum Einschlafen durch die Wahrnehmung, durch die begriffsmäßige Verarbeitung der Wahrnehmung. Allein dadurch lernen wir ja eigentlich nur des Menschen physische Umgebung kennen. Gewiß, wir werden nicht gerade, wenn wir geisteswissenschaftlich vorgehen und uns nicht allerlei Phantastereien hingeben, irgendwie etwas unmittelbar Wesenhaftes in den Traumbildern sehen, und wir werden nicht im Träumen eine Erkenntnis suchen in derselben Weise, wie wir sie im wachen Vorstellen und Wahrnehmen suchen. Aber in einer gewissen niedrigeren Weise ist das Träumen denn doch eine Erkenntnis. Es ist nämlich eine besondere Art physischer Selbsterkenntnis. Im groben kann man ja schon sehen, wie der Mensch innere Zustände in einer gewissen Weise träumt, wenn man, sagen wir, aufwacht mit dem Traume von einem kochenden Ofen, dessen Hitze man ausgestanden hat und dann beim Aufwachen eben einen Hitzezustand oder dergleichen im Inneren hat. Auch sonst sind die Träume in einer bestimmten Weise konfiguriert. Man träumt von Schlangen, wenn man irgendwie in den Gedärmen etwas nicht in Ordnung hat. Man träumt von irgendwelchen Höhlen, in die man sich verkriechen muß, wenn man Kopfschmerz hat und so weiter. Allein in einer dunklen, dämmerhaften Weise weist der Traum auf das innere organische Leben des Menschen hin, und wir können schon von einer gewissen niederen Erkenntnis im Traumleben sprechen. Es steigert sich das nur, wenn bei besonders sensitiven Menschen in den Träumen wirklich sehr genau Widerspiegelungen des Organismus vorkommen. Im tiefen Schlafe, im traumlosen Schlafe glauben wir ja in der Regel nichts zu erkennen. Wir halten den traumlosen Schlaf für die Erkenntnis für ganz bedeutungslos. Er ist es nicht. Er hat seine Erkenntnisaufgabe, allerdings eine individuell-persönliche für den Menschen. Würden wir nicht schlafen können, würde nicht fortwährend unser Leben vom Schlaf durchbrochen werden, so würden wir nicht kommen können zu einer deutlichen Ich-Vorstellung, zu einem deutlichen Innenleben. Wir würden immerfort das Äußere erleben und ganz im Äußeren aufgehen. Der Mensch beachtet das nur nicht genügend, weil er sich nun einmal nicht gewöhnt hat, die Dinge, die er erlebt, seelisch und organisch, wirklich unbefangen ins Auge zu fassen. Wir blicken zurück; wir verfolgen die Bilder unserer Erlebnisse bis zu dem Punkte, an den wir uns zurückerinnern. Aber diese ganze Erscheinungsströmung ist ja fortwährend jede Nacht unterbrochen von dem Schlafe. Den lassen wir aus, indem wir uns zurückerinnern. Wir denken nicht daran, daß der Mensch fortwährend in der Erinnerungsströmung vom Schlafe unterbrochen ist. Daß er unterbrochen ist, das bedingt, daß wir gewissermaßen, allerdings unbewußt, neben dem, daß wir in ein erfülltes Feld hineinsehen, auch in ein Nichts hineinsehen. Wenn wir hier ein weißes Feld haben und in der Mitte Schwarz, so sehen wir das Weiß und in der Mitte Schwarz [auf einer schwarzen Wandtafel], das dem Weiß gegenüber ein Nichts ist. Daß das nicht ganz stimmt, das geht uns jetzt in diesem Augenblicke nichts an. Wir sehen das schwarze Feld, wir sehen, daß in der weißen Bedeckung etwas ausgespart ist, aber das ist ein ebenso positiver Eindruck, wenn er auch nicht ein Eindruck ist, der zusammenfällt mit den Eindrücken vom weißen Felde. Das schwarze Feld ist ein ebenso positiver Eindruck. So ist es ein positives Erleben, wenn wir zurückschauen und in diese Rückschau immer nichts einfließt von den Zeiträumen, die wir durchschlafen haben. Das, was wir durchschlafen haben, liegt in der Rückschau ebenso drinnen, allerdings zunächst nicht unmittelbar im Bewußtsein, denn das Bewußtsein richtet sich nur nach dem, was als Bilder vom durchwachten Leben zurückbleibt. Aber es wird dieses Bewußtsein innerlich befestigt dadurch, daß das rückschauende innere Gesichtsfeld auch leere Stellen hat; davon rührt her unsere Bewußtheit, insofern sie gerade innerlich ist. Wir würden uns ganz verlieren an die äußere Welt, wenn wir nur wachen würden, wenn dieses Wachen nicht fortwährend durchbrochen wäre vom Schlafe. Wir wissen von uns innerlich durch den traumlosen Schlaf. Aber während der traumerfüllte Schlaf uns gewisse einzelne Teile in Bildern chaotisch spiegelt, gibt uns der traumlose Schlaf das Bewußtsein unserer Gesamtmenschlichkeit als Organismus, also auch eine Erkenntnis. Wir können sagen: Durch das wache Bewußtsein nehmen wir die äußere Welt wahr. Durch die Träume nehmen wir, allerdings dämmerhaft und unbestimmt, einzelnes aus unseren inneren organischen Zuständen wahr. Durch den traumlosen Schlaf wissen wir von unserer Gesamtorganisation, allerdings dumpf und dunkel, aber wir wissen eben durch den Schlaf von unserer Gesamtorganisation. Also haben wir schon gewissermaßen drei Erkenntnisstufen: den Schlaf, den traumdurchsetzten Schlaf, den Wachzustand.
Cite:
GA 202/1920-12-17/p033 · edition original