Zehnter Vortrag
Sehen Sie, so stellt sich gewissermaßen die Sache vom Bewußtseinsfeld dar. Wir dürfen nicht davon sprechen, daß wir nur in uns tragen dieses gewöhnliche Wachbewußtsein, wie wir auch nicht davon sprechen dürfen, daß wir nur in uns tragen den gewöhnlichen festen Organismus. Wir müssen davon sprechen, daß wir allerdings den festen Organismus zunächst als etwas haben, was deutlich begrenzt im Raume dasteht, so daß wir es, wenn wir ganz materialistisch denken, als die menschliche Organisation begreifen. Wir müssen denken, daß das gewöhnliche Bewußtsein zunächst klar dasteht, daß wir seine Vorstellungen in festen Konturen haben. Aber wir dürfen weder denken, daß wir nur den festen Leib haben, noch daß wir nur dieses Tagesbewußtsein haben, sondern wir haben den festen Leib durchsetzt vom Flüssigkeitsleib, der eine in sich verschwimmende, eine fluktuierende Organisation hat, und wir haben wiederum das helle, klare Tagesbewußtsein durchsetzt von dem Traumbewußtsein, das nun nicht die Bilder mit den festen Konturen hat, sondern mit den verschwimmenden Konturen, wo gewissermaßen das Bewußtseinsleben flüssig wird. Und wir haben außer dem Flüssigkeitsorganismus den Luftorganismus, der sogar von etwas anderem versorgt wird als von uns selber, wenn wir im Schlafe sind, der also im Grunde genommen nicht ganz, sondern nur teilweise, vorübergehend mit unserem Seelischen zusammenhängt, nämlich nur im Wachzustande; aber wir haben das als einen besonderen Organismus in uns. Wir haben ein drittes Bewußtsein, ein dunkles Bewußtsein, das traumlose Schlafbewußtsein, wo nicht bloß die Vorstellungen verschwimmen, sondern wo sie sich bis zur inneren Finsternis abdämpfen, wo also das Bewußtsein gewissermaßen aufhört, von uns innerlich als bewußter Zustand erlebt zu werden, so wie unter gewissen Umständen der luftförmige Leib aufhört, von uns erlebt zu werden, wenn wir schlafen.
Cite:
GA 202/1920-12-17/p036 · edition original