Elfter Vortrag
Auf der anderen Seite haben wir das Bewußtsein betrachtet. Gewöhnlich sieht man nur, sagte ich gestern, auf dasjenige Bewußtsein hin, das wir aus dem Zustande heraus kennen, den wir durchmachen vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Da nehmen wir die Gegenstände um uns herum wahr, kombinieren sie mit unserem Verstande, fühlen auch wohl über sie, leben in unseren Willensimpulsen; aber wir erleben diesen ganzen Bewußtseinskomplex als etwas, was seinen Eigenschaften nach ganz verschieden ist von all dem Physischen, das die äußere physische Wissenschaft ganz allein betrachtet. Und es läßt sich nicht ohne weiteres eine Brücke schaffen zwischen diesen ganz unkörperlichen Erlebnissen, die man im Bewußtsein hat, und den anderen Anschauungen, den anderen Wahrnehmungsobjekten, die man durch physische Physiologie oder physische Anatomie betrachtet. Aber auch in bezug auf das Bewußtsein kennen wir ja schon im gewöhnlichen Leben außer dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein das Traumbewußtsein, und wir haben gestern ausgeführt, wie die Träume im wesentlichen Bilder oder Sinnbilder sind von inneren organischen Vorgängen. Es geht immer in uns etwas vor, und bildhaft drückt sich das, was da vorgeht, aus in den Träumen. Wir träumen, sagte ich, von Schlangen, die sich winden, wenn wir irgendwelche Schmerzen in den Gedärmen haben; wir träumen von einem kochenden Ofen, wachen nachher mit Herzklopfen auf; der kochende Ofen hat uns das unregelmäßig gehende Herz symbolisiert, die Schlangen haben uns die Gedärme symbolisiert und so weiter. Es weist uns der Traum in unseren Organismus hinunter, und das Bewußtsein im Schlafe, es ist dumpf, es ist sozusagen für den Menschen eigentlich ein Null-Erlebnis. Aber ich habe gestern ausgeführt, wie man dieses Null-Erlebnis haben muß, um gerade sich verbunden zu fühlen mit seiner Körperlichkeit. Man würde sich nicht als Ich verbunden fühlen mit seiner Körperlichkeit, wenn man nicht den Körper verließe, ihn wiederum aufsuchte beim Aufwachen und auf diese Weise gerade aus dem Entbehren, das man erlebt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, sich als eins mit seinem Körper fühlte. Da werden wir von dem gewöhnlichen Bewußtsein, das ja nichts mit uns selber zu tun hat, als daß es uns die Wahrnehmung, die Vorstellung gibt, in das Traumbewußtsein geführt, welches mit dem zu tun hat, was nun schon im Leibe ist. Wir werden also zum Leibe hingeführt. Und wir werden noch mehr zum Leibe hingeführt, wenn wir in das traumlose Schlafbewußtsein eindringen. So also können wir sagen: Wir betrachten auf der einen Seite das Seelische so, daß es uns zum Leibe hinführt. Und wir betrachten das Leibliche so, daß es, indem es durch die Organisation des Flüssigen, die Organisation des Luftförmigen, die Organisation der Wärme auftritt, indem sich die Organisation also immer mehr verfeinert, uns zum Seelischen hinführt. — Diese Dinge muß man durchaus in Erwägung ziehen, wenn man zu einer wirklich den Menschen befriedigenden Weltanschauung kommen will.
Cite:
GA 202/1920-12-18/p004 · edition original