Elfter Vortrag
Die große Frage, die uns nun seit Wochen beschäftigt, sie ist ja, wie wir wiederholt versuchten zu erkennen, die Kardinalfrage der menschlichen Weltanschauung zunächst: Wie hängt das Moralische, die moralische Weltordnung zusammen mit der physischen Weltordnung? Wir haben es oft gesagt: Die gegenwärtige Weltanschauung, die sich für die äußere Sinneswelt auf die Naturwissenschaft stützt, die, wenn es um ein umfassendes Seelisches geht — denn die Psychologie enthält ein solches nicht mehr -, nur zu den älteren religiösen Bekenntnissen Zuflucht nehmen kann, diese Weltanschauung enthält keine Brücke. Da ist auf der einen Seite die physische Welt. Sie ist hervorgegangen nach dieser Weltanschauung aus einem Urnebel. Aus dem hat sich alles herausgeballt; zu einer Art Weltenschlacke wird das alles wieder zurückkehren. Das ist, was uns als äußeres Bild durch die gegenwärtige wissenschaftliche Richtung vorgehalten wird innerhalb dieses ganzen Werdens, das ja schließlich, wenn man ehrlich ist als Wissenschafter der heutigen Zeit, als das allein Reale erscheinen kann. Innerhalb dieses Bildes hat das Moralische, die moralische Weltordnung keinen Platz. Sie steht dann für sich da. Der Mensch empfängt in seiner Seele die moralischen Impulse als Seelenimpulse. Aber wenn das so ist, wie es die Naturwissenschaft sagt, dann ist eben aus dem Urnebel hervorgegangen alles das, was sich regt und lebt, und zuletzt der Mensch, und dem Menschen steigen auf die moralischen Ideale. Und wenn einmal die Welt zurückgekehrt sein soll zum Schlackenzustand, dann wird das der große Friedhof sein auch für alle moralischen Ideale. Sie werden verschwunden sein. Eine Brücke kann gar nicht geschaffen werden, und was noch schlimmer ist, es kann nicht einmal, wenn der Mensch nicht inkonsequent wird, die wirkliche Moralität der Weltenordnung von seiten der heutigen Wissenschaft zugegeben werden. Nur wenn diese Wissenschaft inkonsequent ist, läßt sie die moralische Weltenordnung gelten. Aber wenn sie konsequent ist, kann sie das eigentlich nicht. Das alles rührt davon her, daß man eben auf der einen Seite im Grunde genommen nur eine Art Anatomie des Festen hat, daß man nicht berücksichtigt, daß der Mensch auch in sich trägt eine Organisation des Flüssigen, eine Organisation des Luftförmigen, ja auch eine Organisation des Wärmehaften. Wenn Sie sich vorstellen, daß, ebenso wie Sie in sich, meinetwillen zu den Knochen, zu den Muskeln, zu den Nervensträngen konfiguriert, die Organisation des Festen haben, Sie auch eine Organisation des Flüssigen, des Luftförmigen haben, allerdings fluktuierend, in sich beweglich, dann wieder eine Wärmeorganisation haben, so werden Sie das schon eher verstehen, was ich nun aus geisteswissenschaftlichen Beobachtungen vorzubringen habe.
Cite:
GA 202/1920-12-18/p005 · edition original