Zwolfter Vortrag
Der Mensch steht da in der Welt auf der einen Seite als ein Betrachtender, auf der anderen Seite als ein Handelnder, zwischen drinnen steht er mit seinem Fühlen. Er ist auf der einen Seite mit seinem Fühlen hingegeben an dasjenige, was sich seiner Betrachtung ergibt, auf der anderen Seite ist er mit seinem Fühlen wiederum beteiligt an seinem Handeln. Man braucht ja nur darüber nachzudenken, wie der Mensch befriedigt oder unbefriedigt sein kann von dem, was ihm als Handelnder gelingt oder nicht gelingt; man braucht nur daran zu denken, wie schließlich alles Handeln begleitet ist von Gefühlsimpulsen, und man wird sehen, daß in der Tat unser gefühlsmäßiges Wesen verbindet die beiden entgegengesetzten Pole: das betrachtende Element in uns und das handelnde Element in uns. Nur dadurch, daß wir betrachtende Wesen sind, werden wir im vollsten Sinne des Wortes eigentlich Mensch. Sie brauchen sich nur zu überlegen, wie alles, was Ihnen schließlich das Bewußtsein gibt, daß Sie Mensch sind, damit zusammenhängt, daß Sie die Welt, die Sie umgibt, in der Sie leben, innerlich gewissermaßen abbilden können, betrachten können. Zu denken, daß wir die Welt nicht betrachten können, würde bedeuten, daß wir unser ganzes Menschsein von uns abtun müssen. Als handelnde Menschen stehen wir drinnen im sozialen Leben. Und im Grunde genommen hat alles das, was wir zwischen Geburt und Tod vollbringen, eine gewisse soziale Bedeutung.
Cite:
GA 202/1920-12-19/p003 · edition original