Zwolfter Vortrag
Nun wissen Sie, daß, insofern wir betrachtende Wesen sind, in uns der Gedanke lebt, insofern wir handelnde Wesen sind, also auch insofern wir soziale Wesen sind, in uns der Wille lebt. Es ist aber nicht so in der menschlichen Natur, wie es überhaupt in der Wirklichkeit nicht so ist, daß man verstandesmäßig die Dinge nebeneinanderstellen kann, sondern, was wirksam ist im Sein, das kann man nach der einen oder anderen Seite charakterisieren; die Dinge fließen ineinander, die Kräfte der Welt fließen ineinander. Wir können uns denkend vorstellen, daß wir ein Gedankenwesen sind, wir können uns denkend auch vorstellen, daß wir ein Willenswesen sind. Aber auch wenn wir kontemplativ, bei völliger äußerer Ruhe in Gedanken leben, so ist der Wille in uns dennoch fortwährend tätig. Und wiederum, wenn wir Handelnde sind, so ist in uns der Gedanke tätig. Es ist undenkbar, daß irgend etwas als Handlung von uns ausgeht, daß irgend etwas in das soziale Leben auch überspringe, ohne daß wir uns gedanklich mit dem, was so geschieht, identifizieren. In allem Willensartigen lebt das Gedankenartige, in allem Gedanklichen lebt das Willensartige. Und es ist durchaus notwendig, daß man gerade über die hier in Frage kommenden Dinge sich klar werde, wenn man jene Brücke, von der ich hier jetzt schon so oft gesprochen habe, im Ernste bauen will, die Brücke zwischen der moralisch-geistigen Weltordnung und der physisch-natürlichen Ordnung.
Cite:
GA 202/1920-12-19/p004 · edition original