Zwolfter Vortrag

GA 202/1920-12-19/p016 ·1920-12-19 · original (original)
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Nun, Sie werden sich klarmachen können, was es sein muß, wenn Sie von einem Bilde ausgehen. Wenn Sie hier einen Spiegel haben und hier einen Gegenstand, der Gegenstand im Spiegel sich spiegelt, dann können Sie hinter den Spiegel gehen, Sie finden nichts. Sie haben eben ein Bild. Solches Bilddasein haben unsere Gedanken. Wodurch haben sie ein solches Bilddasein? Nun, Sie brauchen sich nur zu erinnern, was ich Ihnen über das Gedankenleben gesagt habe. Es ist ja eigentlich als solches gar nicht im gegenwärtigen Augenblick Realität. Das Gedankenleben strahlt herein aus unserem Vorgeburtlichen, oder sagen wir aus dem Dasein vor der Empfängnis. Das Gedankenleben hat seine Realität zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und geradeso wie hier der Gegenstand vor dem Spiegel steht und aus dem Spiegel nur Bilder kommen, so ist dasjenige, was wir als Gedankenleben entwickeln, im Grunde genommen ganz real durchlebt zwischen dem Tode und der neuen Geburt und strahlt nur herein in dieses Leben, das wir seit der Geburt vollbringen. Als denkende Wesen haben wir in uns nur eine Spiegelbild-Realität. Dadurch kann die andere Realität, die gerade aus unserem Stoffwechsel, wie Sie wissen, aufstrahlt, die bloße Spiegelbild-Realität des Gedankenlebens durchdringen. Man sieht am klarsten, wenn man überhaupt unbefangenes Denken entfalten will, was heute in dieser Beziehung allerdings sehr selten ist, daß das Gedankenleben ein Spiegelbilddasein hat, wenn man das reinste Gedankenleben ins Auge faßt, das mathematische. Dieses mathematische Gedankenleben fließt ganz aus unserem Inneren herauf. Aber es hat nur ein Spiegeldasein. Sie können allerdings durch die Mathematik alle äußeren Gegenstände bestimmen; aber die mathematischen Gedanken selber sind eben nur Gedanken und sie haben bloß ein Bilddasein. Sie sind etwas, was nicht aus irgendeiner äußeren Realität gewonnen ist.

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Cite: GA 202/1920-12-19/p016 · edition original