Zwolfter Vortrag
Es ist nichts anderes als eine Gedankenschwäche, der sich der Mensch hingibt, wenn er starre, ewige Atome annimmt. Was sich uns aus dem Wirklichkeitsdenken ergibt, das ist, daß fortwährend aufgelöst wird bis in die Null hinein das Stoffliche. Nur weil, wenn Stoff vergeht, fortwährend neuer Stoff entsteht, redet der Mensch von einer Konstanz des Stoffes. Er gibt sich demselben Irrtum hin, dem er sich hingeben würde, sagen wir, wenn eine Anzahl von Dokumenten in ein Haus hineingetragen, drinnen abgeschrieben. würden, aber als solche verbrannt würden, und die Abschriften wieder herauskommen, und er, weil er dasselbe herauskommen sieht, was hineingetragen ist, denken würde, es sei dasselbe. In Wirklichkeit sind die alten verbrannt worden und neue sind geschrieben worden. So ist es auch mit dem Werden in der Welt, und es ist wichtig, daß man bis zu diesem Punkte mit seinem Erkennen vordringt. Denn da, wo im Menschen Stoff vergeht, zum Scheine wird und neuer Stoff entsteht, da sitzt die Möglichkeit der Freiheit und da sitzt die Möglichkeit der Liebe. Und Freiheit und Liebe gehören zusammen, wie ich schon in meiner «Philosophie der Freiheit» angedeutet habe.
Cite:
GA 202/1920-12-19/p030 · edition original