Search for the New Isis, the Divine Sophia: The Quest for the Isis-Sophia
Ich habe einmal darauf hingewiesen, wie der große Kepler, der Nachfolger des Kopernikus, eine Ahnung gehabt hat davon, daß er mit seinem Sonnen-Planetensystem in einer gewissen Weise wiederholte, allerdings passend für die fünfte nachatlantische Zeit, dasjenige, was gelebt hat als Weltenbild in den ägyptischen Priestermysterien. Kepler drückt sich ja in einer gewissen Beziehung darüber sehr radikal aus, indem er sagt, er habe die Gefäße der alten ägyptischen Weisheitslehrer entlehnt, um sie hereinzutragen in die neuere Zeit. Wir aber wollen heute an etwas denken, was gewissermaßen in der Mitte der Anschauung der Kultushandlungen der ägyptischen Priestermysterien gestanden hat, wir wollen gedenken der Isismysterien, und wir brauchen, um uns den geistigen Zusammenhang der Isismysterien mit dem, was auch im Christentum lebt, zu vergegenwärtigen, nur unseren Seelenblick hinzulenken zu dem berühmten Bilde der Sixtinischen Madonna von Raffael, wo die Madonna das Jesuskindlein auf dem Arme hält, hinter ihr die Wolken, die eigentlich lauter Kinder darstellen, so daß man die Vorstellung haben kann, aus den Wolken herunter habe die Madonna, gewissermaßen durch eine Verdichtung der dünneren Substanz, das Jesuskind empfangen. Aber dieses Bild, das ganz aus christlichem Geiste heraus geschaffen ist, es ist ja nichts anderes als eine Art Wiederholung desjenigen, was die ägyptischen Isismysterien verehrt haben, indem sie die Isis mit dem Horusknaben im Arm gebildet haben. Das Motiv dieses Bildes stimmt ganz mit dem Raffaelischen Bilde überein. Selbstverständlich darf uns das nicht zu dem verführen, wozu — seit dem 18. Jahrhundert und durch das ganze 19. Jahrhundert bis herein in unsere Tage — solche Dinge viele Oberflächlinge verführt haben: daß man etwa in der Geschichte des Christus Jesus und alledem, was dazu gehört, nur eine Art Metamorphose sehe, eine Umdichtung alter heidnischer Mysterien. Sie wissen aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», wie diese Dinge aufzufassen sind. Aber gerade in dem Sinne, wie das dort gemeint ist, darf wieder hingewiesen werden auf eine gewisse geistige Kongruenz desjenigen, was im Christentum auftritt, mit den alten heidnischen Mysterien.
Cite:
GA 202/1920-12-24/p007 · edition original