{"corpus":"steiner","locus":"GA 203/1921-01-30/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Seit dem Aufgang der fünften nachatlantischen Periode, also seit dem 15. Jahrhundert, hat sich innerhalb der zivilisierten Menschheit sowohl das intellektuelle Leben wie auch das soziale Leben gegenüber früheren Zeiten wesentlich geändert. Das intellektuelle Leben ist allmählich immer mehr so geworden, daß der Mensch selber eigentlich von der Weltbetrachtung ausgeschlossen ist. Der Mensch betrachtet die Natur, und innerhalb der Naturerkenntnis hat ja die neuere Menschheit die größten Fortschritte gemacht. Aber gerade das ist ja das Charakteristische, daß die eigentliche Menschenkenntnis durch diese Naturerkenntnis nicht nur keinen Fortschritt gemacht hat, sondern daß die Anschauung von der Wesenheit des Menschen in einem gewissen Sinne herausgeworfen worden ist aus der menschlichen Erkenntnis. Der Mensch kennt sehr gut alles andere in der Welt, aber er kennt nicht mehr sich selbst. Der Mensch hat die Tierreihe kennengelernt, er hat sich eine Entwickelungstheorie der Tierreihe begründet und glaubt zu verstehen, wie sich die Wesen der Tierreihe von den untergeordnetsten bis zu den vollkommeneren entfaltet haben, und dann reiht man gewissermaßen den Menschen an. Man nimmt das alles, was man an den Tieren gelernt hat und wendet es dann auch wiederum auf den Menschen an. Man kommt zu nichts Neuem, das die Menschenwesenheit erklären sollte, sondern man sucht die Elemente zu dem, was die Menschenwesenheit erklären soll, innerhalb der Tierwelt und sagt nur: Der Mensch ist eben die oberste Stufe. — Man sagt eigentlich nichts Besonderes über den Menschen aus, sondern man sagt, er sei eben die oberste Stufe. Man tut das ja in bezug auf alle Einzelheiten des Menschen, und man tut es mit einer instinktiven Selbstverständlichkeit. Die Folge davon ist, daß eben über den Menschen eine wirkliche Erkenntnis gar nicht vorliegt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Neunter Vortrag","site_heading":null,"date":"1921-01-30","location":null,"word_count":276,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/203/1921-01-30/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/203/1921-01-30/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/203/1921-01-30/p005","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}