Neunter Vortrag

GA 203/1921-01-30/p008 ·1921-01-30 · original (original)
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Wir haben vieles von dem, was einstmals viel intensiver begründet war in der sozialen Ordnung der Menschheit, heute nur in der Sprache, und da unsere Sprache in vieler Beziehung phrasenhaft geworden ist, so haben wir es eben in der Phrase. Bedenken Sie nur, in wie vielen Fällen und in welcher Ausdehnung heute der Mensch gewohnt ist, das Wort, das Wörtchen «man» zu gebrauchen - «man» denkt so, «man» tut dieses, «man» sagt dieses und so weiter —, obwohl es in den meisten Fällen heute nur eine Phrase ist, gar keinen Sinn hat. Das Wörtchen «man», das Fürwort «man», das Pronomen, hat eigentlich nur einen Sinn in der Sprache, die noch einem Volke angehört, in dem tatsächlich der einzelne nicht so stark Individualität geworden ist wie in unserer Zeit, wo der einzelne noch mit einem gewissen Rechte, wenn er spricht, ein allgemeines Urteil ausspricht. Was aus der modernen Wissenschaftlichkeit allmählich die Seelen ausfüllt, was dazu geführt hat, daß der Mensch sich selbst vergißt in der Weltauffassung, das führt zur Ahrimanisierung des Menschen in unserem Zeitalter. Und was im sozialen Leben den Menschen herausführt aus der Gebundenheit, was ihn zum Beispiel im äußeren wirtschaftlichen Leben von dem alten gebundenen Zunftwesen zu der modernen freien Wirtschaft geführt hat, das führt zur Luziferisierung des Menschen. Beides aber ist durchaus notwendig. Beides mußte in der Entwickelung der Menschheit heraufkommen. Denn in den früheren Erkenntnissen, die der Mensch gewonnen hat und die seine Seelenverfassung gebildet haben, steckt immer der Mensch selber drinnen. Man konnte früher zum Beispiel nicht Naturerkenntnis haben, ohne Menschenerkenntnis mitzugewinnen. Man konnte nicht über den Mars Erkenntnisse gewinnen, ohne zu gleicher Zeit über das, was der Mars für das Menschenleben als Bedeutung in sich trägt, Erkenntnisse mitzugewinnen. Man konnte nicht über Gold Erkenntnisse gewinnen, ohne daß man gewisse Erkenntnisse über den Menschen gewann.

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Cite: GA 203/1921-01-30/p008 · edition original