Neunter Vortrag
Fühlen Sie es doch aus der Beschreibung desjenigen Weltenalls, in dem die Sonne ist, die die heutige Astronomie beschreibt, in dem die Spektralanalyse gilt, die die heutige Physik beschreibt, aus diesem Weltenall konnte der Christus nicht auf die Erde herabgestiegen sein! Wer nur an dieser Beschreibung des Weltalls als Erkenntnis festhält, der kann keinen Sinn verbinden mit irgendeiner wahren, realen ChristusWesenheit. Solch ein Christus bleibt leer oder er wird «Harnackisch» oder dergleichen. Will man heute den Christus als kosmisches Wesen kennenlernen, erfühlen lernen, so braucht man jene Evolutionsgeschichte, welche den Menschen sucht durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch. Da wo das Menschliche im Weltenall drinnen ist, da ersprießt einem auch die Erkenntnis desjenigen, was den Christus hervorgehen lassen kann aus dem Weltenall. Und lernt man den Menschen kennen bis dahin, wo sein Materielles, das innerhalb seiner Haut aus dem Geistigen heraus geschaffen ist, herkommt, dann lernt man ihn so kennen, daß man das Mysterium von Golgatha, die Einkörperung des kosmischen Christus in den einzelnen Menschen kennenlernt. Denn für denjenigen Menschen, den die heutige Wissenschaft von der Mathematik bis hinauf zu der Psychologie in ihrer Beschreibung geben kann, für den gibt es keine Möglichkeit, sich vorzustellen, daß der Christus irgendwie sich in ihn hineinverkörpert hätte. Damit der Mensch dieses begreifen kann, muß er in wirkliche Selbsterkenntnis kommen. Es gibt heute kein Christentum, das der moderne Mensch mit seiner Seelenverfassung vereinen kann, es sei denn durch diejenige Selbsterkenntnis, welche Geisteswissenschaft gibt, und durch diejenige kosmische Menschenerkenntnis, welche Geisteswissenschaft gibt.  
Cite:
GA 203/1921-01-30/p032 · edition original