Erster Vortrag
Ich habe neulich in Stuttgart innerhalb meiner Vorträge ein Erlebnis erwähnt, das wirklich geeignet ist, Licht zu werfen auf diese Sache. Ich sagte: Es war so am Beginne des 20. Jahrhunderts in einer Versammlung des Berliner Giordano-Bruno-Vereins, da sprach zunächst ein Mensch - was ich einen handfesten Materialisten nenne -, ein sehr kundiger Materialist war es, der den Gehirnbau ebensogut kannte, wie man heute den Gehirnbau, wenn man gewissenhaft studiert hat, wirklich kennt; und er war einer von denjenigen Menschen, welche in der Analyse des Gehirnbaues eigentlich schon die ganze Seelenkunde sehen, welche sagen: Man muß nur erkennen, wie das Gehirn arbeitet, dann hat man die Seele, dann beschreibt man die Seele. - Nun war es interessant; er malte auf die Tafel diese verschiedenen Hirnpartien auf, also die Verbindungsstränge und so weiter, und lieferte da eben jenes wunderbare Bild, das man ja bekommt, wenn man diesen menschlichen Gehirnbau verfolgt. Und er glaubte eben durchaus mit der Schilderung dieses Gehirnbaues etwas gegeben zu haben, was Seelenkunde ist. Nachdem er seine Auseinandersetzungen gemacht hatte, erhob sich ein handfester Philosoph, ein Herbartianer. Dieser Herbartianer sagte: Gegen die Ansichten, die der Mann entwickelt hat, daß man schon die Seelenkunde besitzt, wenn man den Gehirnbau erklärt, gegen diese Ansichten muß ich mich natürlich entschieden wenden; aber gegen die Zeichnung, die er gemacht hat, brauche ich mich gar nicht zu wenden, diese Zeichnung stimmt ganz gut auch mit meiner Herbartschen Ansicht überein, daß die Vorstellungen sich miteinander vergesellschaften, daß von einer Vorstellung zu der anderen gewisse Verbindungsstränge rein seelischer Art gehen. Und er fügte hinzu, er könne als Herbartianer ganz gut dieselbe Zeichnung machen, nur würden bei ihm die einzelnen Kreise und so weiter nicht Gehirnpartien bedeuten, sondern Vorstellungskomplexe. Aber die Zeichnung würde ganz dieselbe bleiben!
Cite:
GA 204/1921-04-02_02/p016 · edition original