Erster Vortrag

GA 204/1921-04-02_02/p029 ·1921-04-02 · original (original)
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Interessant ist solch eine Erscheinung. Ich habe öfters den Kriminalanthropologen Moriz Benedikt angeführt; ich möchte auch heute ein interessantes Erlebnis, das er selber erzählt in seinen «Lebenserinnerungen», anführen. Er hatte eine Rede zu halten auf einer Naturforscherversammlung, und nun erzählt er, daß er sich auf diese Rede, indem er Tag und Nacht nicht geschlafen hat, zweiundzwanzig Nächte lang vorbereitet hat. Zweiundzwanzig Nächte hat er die Rede vorbereitet, und am letzten Tag, bevor er die Rede gehalten hat, ist ein Journalist bei ihm erschienen, der sollte diese Rede veröffentlichen. Er diktierte sie ihm. Er hatte die Rede nicht niedergeschrieben, erzählt er, er hatte sie nur dem Gedächtnis eingeprägt. Er diktierte sie dem Journalisten; also im Kämmerchen diktierte er sie dem Journalisten und dann hielt er bei der Naturforscherversammlung diese Rede. Was der Journalist nach dem Diktat abgedruckt hat, stimmte nun bis aufs Wort genau mit dem überein, was Benedikt dann der Naturforscherversammlung vorgetragen hat. — Ich muß sagen, ich bewundere so etwas außerordentlich! Denn man bewundert immer dasjenige, was zu leisten man selbst niemals imstande wäre. Das also ist eine sehr interessante Erscheinung. Der Mann hat zweiundzwanzig Nächte lang daran gearbeitet, Wort für Wort einzuverleiben seiner Organisation, was er vorbereitet hat, so daß er niemals hätte irgendeinen Satz anders sagen können in der Wortfolge, als wie er saß in seinem Organismus, so fest saß er da.

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