Dritter Vortrag
Ich sagte, daß in älteren Zeiten ein innerer, konkreterer Vorgang noch gefühlt worden ist, der sich vergleichen läßt mit dem, was wir studieren können im Geschlechtsreifwerden des Menschen. Was auftritt im Kinde, wenn es sprechen lernt, ist eben eine Metamorphose, eine mehr nach innen sich ausbildende Metamorphose des Prozesses, der sich beim Geschlechtsreifwerden später im Menschen dann entfaltet. Und was in diesem Prozeß des Sprechenlernens im Inneren des Menschen verläuft, das hatte für die ältere Menschheit dann Nachwirkungen für das ganze menschliche Leben: Der Mensch fühlte sich so, als ob in ihm durch das Wort etwas zum Ausdrucke käme, was auch in den Dingen draußen lebt, was die Dinge aber nicht aussprechen, weil sie gewissermaßen verstummt sind. Im Erklingen des Wortes im Inneren wurde etwas gefühlt, was Vorgängen im Äußeren entspricht. Was da erlebt wurde, war ein viel Inhaltsvolleres, ein dem menschlichen Leben viel Näherliegendes als dasjenige, was heute innerlich erfahren wird in dem Erfassen der Welt durch abstrakte Begriffe. Aber was da der Mensch erlebte durch das Wort, es war, ich möchte sagen, organischer, es war instinktiver, es war mehr dem Animalisch-Seelischen zugeneigt, als das ist, was sich durch das begrifflich abstrakte Erfassen der Dinge erfahren läßt. Man wurde dem geistigen Leben nähergerückt durch dieses abstrakte Erfassen. Aber zugleich wurde eben der Mensch zur Abstraktion gebracht. So daß in dem Augenblicke, dem weltgeschichtlichen Augenblicke, in welchem der Mensch gleichsam heraufgehoben wurde, um allmählich den Geist zu erfahren, er zu gleicher Zeit man kann sich ja in diesen Dingen nur mehr oder weniger bildhaft ausdrücken, da die Sprache noch nicht eigentliche Worte dafür geprägt hat — gewissermaßen in seinem Geist-Erleben eine Verdünnung erfuhr, eben eine Verdünnung in die Abstraktion hinein.
Cite:
GA 204/1921-04-09/p005 · edition original