Dritter Vortrag
Nun hängt zweierlei mit diesem Fortschreiten des Menschen in bezug auf das Verstehen des Sprachlichen und das Verstehen des Abstrakten zusammen. Auf das eine habe ich ja schon hingedeutet: Indem mit dem Aristotelismus - der aber nur das Symptom war für eine allgemeine Erfassung der Sache in der griechischen Zivilisation — des Menschen Seelenleben heraufgehoben wurde in die Abstraktion, wurde es fremd jenem unmittelbaren Erleben des Wortes, der Sprache. Und damit schloß sich gewissermaßen das Tor nach derjenigen menschlichen Lebensentfaltung, die gegen die Geburt zu liegt. Der Mensch fand sich nicht mehr in seinem gewöhnlichen Erleben zurück bis zu dem Punkte, wo er am Sprechenlernen hätte sehen können, wie Geistig-Seelisches in ihm waltet, ein ebenso Geistig-Seelisches wie draußen in der Welt. Dadurch aber wurde er auch abgelenkt, weiter zurückzuschauen. Und die nächsten Etappen hätten ja ergeben, was man nennen könnte: Verbindung des Geistes mit der physisch-leiblichen Materie überhaupt. Sie hätten ergeben das Durchschauen der Präexistenz, die Erkenntnis davon, daß das Geistig-Seelische des Menschen in übersinnlichen Welten ein Dasein führt, bevor es sich verbindet mit dem körperlichen Wesen, das innerhalb der physischen Materie gegeben ist. Diese Erkenntnis war allerdings in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in der ausgesprochenen bewußten Form, wie wir sie uns heute wieder erringen wollen dutch Geisteswissenschaft, sondern in einer instinktiven Weise vorhanden; und die Reste davon sind ja in dem, was uns als orientalische Kultur entgegentritt, geblieben, für welche das Hinschauen auf die präexistierende Menschenseele eine Selbstverständlichkeit ist.
Cite:
GA 204/1921-04-09/p007 · edition original