Dritter Vortrag
So weit die historische griechische Erkenntnis zurückgeht, sind nurmehr die spärlichen Reste dieser alten Geist-Erkenntnis traditionell in der griechischen Zivilisation enthalten. Man findet, wenn man hinter Aristoteles, hinter Plato zurückgeht zu den ionischen Philosophen etwa bis in die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts der griechischen Gedankenentwickelung, man findet etwa bei Anaxagoras eine Philosophie, die aus den heutigen Voraussetzungen heraus nicht verstanden werden kann. Es sollten sich eigentlich aus einer gewissen gesunden Erkenntnis heraus die Philosophen des Abendlandes sagen: Um den Anaxagoras zu verstehen, dazu fehlen eigentlich der abendländischen Philosophie die Voraussetzungen; denn was Anaxagoras - in einer dekadenten Form bereits - als seinen Nus anerkennt, das geht in jene Zeiten zurück, von denen ich eben gesprochen habe, in denen noch empfunden, erkennend empfunden worden ist, wie die Welt vom Geistigen durchwellt und durchwallt ist, und wie aus dem Geistigen heraus das Geist-Seelische des Menschen herabsteigt, um sich mit dem Physisch-Leiblichen zu verbinden. Dies war in älteren Zeiten eine instinktiv anschauliche Erkenntnis. Sie hat sich dann abgeschwächt zu der Erkenntnis, die eben durch das instinktive Durchschauen des Sprachvorganges gegeben war, was dann auch zur Zeit des Aristotelismus verlorengegangen ist gerade für die fortgeschrittensten Zivilisationen.
Cite:
GA 204/1921-04-09/p010 · edition original