Dritter Vortrag
Man muß diese Dinge durch ein inneres Verständnis kennen, wenn man einen ganz bedeutsamen Vorgang in der westasiatisch-europäischen Zivilisationsentwickelung historisch wirklich verstehen will. Man hat heute eigentlich keine zutreffende Vorstellung von der Geistesverfassung jener Menschheit, welche gelebt hat in der Zeit, als das Christentum begründet worden ist. Gewiß, wenn man die allgemeine menschliche Seelenverfassung von heute in ihrer besonderen Konfiguration ins Auge faßt, muß man sich im Verhältnis zu der stolzen Bildung von heute die große Mehrheit der Menschen Westasiens und Europas als ungebildet vorstellen. Aber aus dieser großen Masse der Ungebildeten ragten dazumal einzelne Menschen hervor. Ich möchte sagen, die Nachfolger der alten Eingeweihten oder Initiierten ragten hervor mit einem bedeutsamen Wissen, mit einem Wissen, das allerdings nicht in derselben Weise in der Seele lebte wie unser von abstrakten Begriffen überall durchzogenes und deshalb zum vollen Bewußtsein gekommenes Wissen. Es war noch etwas Instinktives selbst in dem höchsten Wissen der damaligen Zeit. Aber es war zugleich in diesem instinktiven Wissen etwas Eindringliches gegeben, etwas, was doch in die Tiefen der Dinge ging.
Cite:
GA 204/1921-04-09/p012 · edition original