Dritter Vortrag

GA 204/1921-04-09/p015 ·1921-04-09 · original (original)
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Aber wenn man aus diesen Gründen nicht hineinschauen kann in das, was dazumal schon war, so wird man mit allen wissenschaftlich noch so gut gemeinten Untersuchungen fehlgehen, die sich auf etwas Wichtigstes gerade im Verständnis des Christentums beziehen. Dasjenige, worin noch fast alles zu leisten ist, weil alles Geleistete durchaus nicht zu dem führt, was ein ehrlicher Erkenntnistrieb als wirkliche Erkenntnis bezeichnen könnte, das ist der Logosbegriff, der uns im Johannes-Evangelium gleich bei seinem Eingang auftaucht. Diesen Logosbegriff kann man nicht verstehen, wenn man nicht innerlich versteht die geistig-seelische Entwickelung der Menschen vorgeschrittenster Zivilisation jener Zeit, namentlich wenn man nicht versteht die geistig-seelische Entwickelung, wie sie ihren Weg durch das Griechentum genommen hat, das ja ausgestrahlt hat nach Asien hinüber, und das seine Schatten wirft in das, was uns im Johannes-Evangelium entgegentritt. Diesem Logosbegriff darf man sich nicht etwa bloß durch irgendeine lexikale oder äußerlich philologische Methode nähern. Diesem Logosbegriff kann man sich nur nähern, wenn man innerlich studiert die seelisch-geistige Entwickelung, die hier in Betracht kommt, etwa vom 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis zum 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Was da innerlich in der fortgeschrittensten Menschheit und ihren repräsentativen Weisheitsvertretern geschehen ist, darüber ist eigentlich noch keine Geschichte in befriedigender Weise geschrieben. Denn das hängt zusammen mit dem Untergange des Verständnisses für das Sprechenlernen. Das andere, das Verständnis für die Präexistenz, hat sich ja traditionell forterhalten bis zu Origenes; aber dem innerlichen Durchschauen ist es viel früher verlorengegangen als das Verständnis des Sprachprozesses, des Erklingens des Wortes im menschlichen Inneren.

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