Dritter Vortrag
Es ist notwendig, daß mit starker Kraft erfaßt werde, wie man zu aufrichtiger und ehrlicher Erkenntnis vorzuschreiten hat. Man kann es vielleicht gerade an solchen Problemen sehen, wie das Logosproblem eines ist, und es sollte eigentlich derjenige, der sieht, was Anthroposophie über ein solches Problem geltend machen muß, daran sehen, daß es sich diese Anthroposophie nicht gerade leicht macht, daß sie ernst und ehrlich forschen will, und daß sie nur dadurch in Konflikt kommt mit allerlei zeitgenössischen Strömungen, weil man heute geradezu entweder Haß oder Furcht hat vor solch einer Gründlichkeit, die aber angestrebt werden muß, und die wir brauchen, brauchen auf allen Gebieten des wissenschaftlichen Lebens. Ich frage Sie: Weiß denn überhaupt die Welt der Gegnerschaft, die so leichtgeschürzte Urteile über Anthroposophie abgibt, weiß sie denn überhaupt, womit sich Anthroposophie beschäftigt? Weiß sie, daß diese Anthroposophie ringt mit solchen Problemen, wie es das Logosproblem ist, das ja nur eine Einzelheit ist, wenn auch eine wichtige Einzelheit? Es wäre schon Pflicht derjenigen, die heute im wissenschaftlichen Leben tonangebend sind, sich erst einmal anzuschauen, worüber sie so von außen her urteilen. Allerdings, das ist es ja, daß man das äußere Leben heute bequem mitmachen kann - und für viele Menschen gilt das doch -, wenn man sich nicht in die Unbequemlichkeit einläßt, in ernster Weise zu forschen. Allein man merkt bei einem solchen Lieben der Bequemlichkeit nicht, wie starke Niedergangskräfte in unserer gegenwärtigen Zivilisation sind. Das «nach uns die Sintflut» beherrscht sehr stark gerade die gegenwärtige landläufige wissenschaftliche Welt.
Cite:
GA 204/1921-04-09/p026 · edition original