Fünfter Vortrag
Ich habe gestern hingewiesen auf den bedeutsamen Übergangspunkt, der in der abendländischen Zivilisationsentwickelung liegt im 4. nachchristlichen Jahrhundert, und ich habe darauf hingewiesen, wie aus der europäischen Zivilisation damals verschwindet auf der einen Seite die griechische Weisheit, jene Weisheit, durch die man versuchte, die Tiefen des Christentums eben weisheitsvoll zum Ausdrucke zu bringen. Der äußere Zeitpunkt des Verschwindens liegt ja etwas später. Er liegt da, wo der Kaiser Justinian die Schriften des Origenes für ketzerisch erklärte, die römische Konsulwürde abschaffte und die griechische Philosophenschule von Athen schloß, so daß die Träger griechischer Weisheit nach dem Oriente entfliehen mußten und gewissermaßen sich zurückzogen vor dem, was europäische Zivilisation war. Was sich vom Orient aus vorgeschoben hatte bis nach Griechenland hinein, was dann in Griechenland seine besondere Form angenommen hatte, das war die eine Seite.
Cite:
GA 204/1921-04-16/p003 · edition original