Elfter Vortrag
Es war um dieses Jahr 1840 die Sache so, daß wenn wir die Menschheit als Ganzes auffassen - wie sich die einzelnen Nationen dazumal verhielten, das werden wir nachher gleich zu betrachten beginnen -, wir sagen können, daß, insofern wir auf repräsentative Persönlichkeiten der Nationen hinschauen, sie in diesem Jahre 1840 vor dem Punkte standen, wo der Verstand schon am meisten zum Schattenwesen geworden war. Der Verstand hatte seinen Schattencharakter angenommen. Ich habe Ihnen ja gestern diesen Schattencharakter des Verstandes zu charakterisieren versucht. So weit war die Menschheit der zivilisierten Erde gediehen, daß von da ab die Möglichkeit bestand, aus der allgemeinen Kultur heraus ohne Einweihung die Empfindung zu bekommen: Wir haben den Verstand, der Verstand hat sich heraufentwickelt, aber dieser Verstand hat für sich selber keinen Inhalt mehr. Wir haben Begriffe, aber diese Begriffe sind leer, wir müssen sie mit etwas erfüllen. — Das ist der Ruf, der sozusagen durch die Menschheit, allerdings noch dunkel und unvernehmlich, geht. Aber in den tiefen, untergründigen, unterbewußten Sehnsuchten der Menschen lebt der Ruf, eine Erfüllung zu bekommen für das Schattenhafte des Verstandesdenkens. Es ist eben der Ruf, der nach Geisteswissenschaft geht. Wir können aber diesen Ruf auch konkret fassen.
Cite:
GA 204/1921-04-30/p006 · edition original