Elfter Vortrag
Aber dennoch, wenn man die Seelenverfassung des Volkes eben als Nation ins Auge faßt, so ist das so, daß geblieben ist diese Seelenverfassung der Homerischen Zeit, die in Griechenland im tragischen Zeitalter überwunden worden ist, die in den Sophoklismus übergegangen ist. Diese Zeit hat sich in der angelsächsischen Welt erhalten bis ins 19. Jahrhundert herein, eine Art patriarchalischer Lebensauffassung, eine Art patriarchalischen Lebens. Insbesondere hat sich ausgebreitet dieses patriarchalische Leben von der Seelenverfassung in Schottland herein, und es ist aus diesem Grunde, warum gerade auf das angelsächsische Volk nicht etwa dasjenige gewirkt hat, was von den Einweihungsstätten Irlands ausgegangen ist. Das hat ja, wie wir bei anderen Gelegenheiten gehört haben, hauptsächlich im kontinentalen Europa gewirkt. Auf der britischen Insel selber hat hauptsächlich dasjenige gewirkt, was vom Norden, von Schottland herunter auch an Einweihungswahrheiten gekommen ist, und diese Einweihungswahrheiten haben dann das andere durchdrungen. Aber es ist etwas in der ganzen Auffassung der menschlichen Persönlichkeit, das gewissermaßen uralt geblieben ist. Und das wirkt noch nach, das wirkt nach selbst in der Artund Weise, wie, sagen wir, das Verhältnis von Whigs und Tories in dem englischen Parlamente sich entfaltete. Es ist ja so, daß wir es ursprünglich nicht etwa zu tun haben mit dem Gegensatz von liberal und konservativ, sondern wir haben es zu tun mit zwei Schattierungen in politischen Ansichten, für die man heute eigentlich gar keine Empfindungen mehr hat.
Cite:
GA 204/1921-04-30/p014 · edition original