Elfter Vortrag
Wir könnten auch andere Nationen in Betracht ziehen. Sehen wit zum Beispiel Italien an, das noch, ich möchte sagen, ein Stück Empfindungsseele mitbehielt beim Durchgang durch die Verstandeskultur, das dieses Stück Empfindungsseele in die neuere Zeit heraufbrachte, und es daher nicht bis zu den abstrakten Begriffen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit brachte, bis zu denen man es in der Französischen Revolution gebracht hatte, das aber doch den Übergang suchte von einem gewissen alten Gruppenbewußtsein der Menschen zu dem individuellen Menschheitsbewußtsein. Italien traf das Jahr 1840 so, daß man sagen kann: Was sich da in Italien heraufarbeiten will an individuellem Menschheitsbewußtsein, wird eigentlich immerfort niedergehalten von demjenigen, was.nun im übrigen Europa ist. Wir sehen ja, wie die Habsburgische Tyrannei in einer furchtbaren Weise lastet gerade auf dem, was sich in Italien an individuellem Menschheitsbewußtsein heraufarbeiten will. Wir sehen ja jenen merkwürdigen Kongreß von Verona, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eigentlich ausmachen wollte, wie man sich auflehnen kann gegen den ganzen Sinn der modernen Zivilisation. Wir sehen, wie da von Rußland, Österreich ausging, ich möchte sagen eine Art von Verschwörung gegen dasjenige, was das moderne Menschheitsbewußtsein bringen sollte. Es ist kaum etwas so interessant, wie dieser Veroneser Kongreß, der im Grunde genommen die Frage beantworten wollte: Wie schlägt man alles das tot, was sich als modernes Menschheitsbewußtsein heraufentwickeln will?
Cite:
GA 204/1921-04-30/p024 · edition original