Elfter Vortrag

GA 204/1921-04-30/p027 ·1921-04-30 · original (original)
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Ich habe es ja öfters erwähnt, wie Herman Grimm in den siebziger Jahren zunächst seine «Vorlesungen über Goethe» an der Berliner Universität gehalten hat. Das war ein Ereignis, und das Buch, das vorhanden ist als der «Goethe» Herman Grimms, ist eine bedeutende Erscheinung innerhalb der mitteleuropäischen Literatur. Aber wenn man jetzt dieses Buch nimmt, was bedeutet es denn? Ja, alle Gestalten, die mit Goethe im Zusammenhange lebten, kommen darinnen vor, aber sie haben immer nur Ausdehnungen nach zwei Dimensionen; sie sind Schattenfiguren. Alles das, was da Porträts sind, sind Schattenfiguren. Goethe selber ist bei Herman Grimm eine zweidimensionale Wesenheit. Es ist gar nicht der Goethe selber. Ich will gar nicht sprechen von dem Goethe, den man in Weimar in den Nachmittags-Kaffeekränzchen den «dicken Geheimrat mit dem Doppelkinn» nannte; von dem will ich gar nicht sprechen; aber er hat überhaupt keine «Dicke» in Herman Grimms «Goethe», sondern er ist dort ein zweidimensionales Wesen, er ist der Schatten, der an eine Wand hingeworfen ist. Und ebenso all die anderen, die da auftreten; Herder, ein Schatten, der an eine Wand hingemalt ist. Etwas mehr Greifbarkeit tritt uns gerade bei Herman Grimm bei denjenigen Persönlichkeiten entgegen, die aus dem Volke heraufsteigen zu Goethe, wie Friederike von Sesenheim, die so wunderschön da geschildert ist, oder wie die Frankfurterin Lili Schönemann, also gerade dasjenige, was heraufsteigt nun nicht aus der Atmosphäre, in der Goethe eigentlich geistig lebte. Das ist mit einer gewissen «Dicke» geschildert. Aber so ein Jacobi, so eine Gestalt wie Lavater - alles Schattenbilder an der Wand. Man kommt nicht in das eigentliche Wesen der Sachen hinein, man sieht, ich möchte sagen, handgreiflich, wie die Abstraktion wirkt. Die Abstraktion kann ja auch durchaus anmutig sein, was das Herman Grimmsche Buch durchaus ist; aber schattenhaft ist das Ganze. Es sind Silhouetten, zweidimensionale Wesenheiten, die uns da entgegentreten.

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Cite: GA 204/1921-04-30/p027 · edition original