Elfter Vortrag
Und das konnte auch nicht anders sein. Denn es ist wirklich so: Deutscher durfte man sich ja in Deutschland überhaupt nicht nennen in der Zeit, in der zum Beispiel Herman Grimm noch jung war. Die Art und Weise, wie man von Deutschen gesprochen hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die wird ja insbesondere in der Gegenwart mißverstanden. Wie «gruselt» es die Leute des Westens, die Ententeleute, wenn sie heute anfangen Fichtes «Reden an die deutsche Nation» zu lesen und da finden: «Ich spreche zu Deutschen schlechtweg, von Deutschen schlechtweg.» Geradeso wird das unschuldige Lied «Deutschland, Deutschland über alles», töricht interpretiert, indem ja dieses Lied nichts anderes heißen soll als, man will Deutscher sein, nicht Schwabe, nicht Bayer, nicht Österreicher, nicht Franke, nicht Thüringer. Wie dieses Lied sich nur auf die Deutschen stellt allseitig, so wollte Fichte nur sprechen «zu Deutschen schlechtweg», nicht zu Österreichern, zu Bayern, zu Badensern, zu Württembergern oder zu Franken, oder zu Preußen gar; er wollte «zu Deutschen» sprechen. Das versteht man natürlich zum Beispiel in einem Lande nicht, wo es längst selbstverständlich geworden ist, daß man sich einen Franzosen nennen kann. In Deutschland wurde man in gewissen Zeiten eingesperrt, wenn man sich einen Deutschen nannte. Man konnte sich einen Österreicher, einen Schwaben, einen Bayer nennen; aber Deutscher sich zu nennen, war hochverräterisch. Wer in Bayern sich einen Deutschen nannte, der bekundete damit, daß er nicht nur hinaufschauen wollte zum bayerischen Throne, der seine Grenze da und dort hat, sondern daß er hinausschauen wollte über die Grenze von Bayern hinaus. Das war aber Hochverrat! Man durfte sich nicht einen Deutschen nennen. Daß diese Dinge, die von Deutschen und über Deutschland gesagt worden sind, eben Bezug haben auf dieses Zusammendrängen desjenigen, was deutsch ist, das wird heute gar nicht verstanden, und man stellt das törichte Zeug hin, als wenn so etwas wie das Hoffmannsche Lied sich darauf beziehen würde, daß Deutschland herrschen soll über alle Nationen der Welt; während es nichts anderes heißen soll als: nicht Schwaben, nicht Österreich, nicht Baden über alles in der Welt, sondern Deutschland über alles in der Welt, gerade wie der Franzose sagt: Frankreich über alles in der Welt. Aber gerade da in Mitteleuropa war dieses Eigentümliche, daß man im Grunde genommen eine Stammeskultur hatte. Sie können ja heute noch diese Stammeskultur in Deutschland überall sehen. Der Württemberger ist verschieden vom Franken, er ist verschieden bis in die Begriffs- und Wortformen, bis in die Gedankenformen hinein, die sich in der Literatur ausbreiten. Es ist ja auch durchaus, sagen wir, ein grandioser Unterschied, wenn Sie einen Franken nehmen, wie zum Beispiel den klotzigen Michael Conrad - wenn ich die neuere Literatur hernehme -, und ihn vergleichen mit irgend etwas, was etwa von einem Württemberger, also im Nachbarlande, in derselben Zeit geschrieben worden ist. Bis in die ganze Konfiguration der Gedanken spielt ja das bis in die neueste Zeit hinein. Aber all das, was sich da ausbreitet, was da in den Stammeseigentümlichkeiten lebt, das bleibt ja unberührt von dem, was nun eigentlich erreicht wird von den repräsentativen Trägern der Nationen. Man hat doch, sagen wir, in dem Gebiete, das man Deutschland nennt, so etwas erreicht, wie den Goetheanismus mit alledem, was dazugehört. Aber das ist ja nur von wenigen intellektuellen Menschen erreicht worden, davon ist die große Masse der Menschheit gar nicht berührt. Die große Masse der Menschheit bleibt ungefähr auf dem Standpunkte, der eigenommen worden ist in Mitteleuropa etwa um das Jahr 300 oder 400 nach Christus. Geradeso wie man im angelsächsischen Volke stehengeblieben ist bei dem Jahre 1000 vor Christus, so bleibt man in Mitteleuropa stehen bei dem Jahre 400 nach Christus. Das bitte ich nicht so zu nehmen, daß jetzt wiederum ein furchtbarer Hochmut aufkommen könnte, indem man sagt: Die Angelsachsen, die sind im homerischen Zeitalter zurückgeblieben, und wir waren schon im Jahre 400 nach Christus! - So sind die Dinge nicht zu bewerten, sondern es wird eben nur auf gewisse Eigentümlichkeiten hingewiesen.
Cite:
GA 204/1921-04-30/p028 · edition original