Elfter Vortrag

GA 204/1921-04-30/p031 ·1921-04-30 · original (original)
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Um aufall die Anomalien zu kommen, welche da zugrundeliegen, braucht man ja nur daran zu erinnern, daß Oswald Spengler, der das bedeutende Buch geschrieben hat über den «Untergang des Abendlandes», ja auch ein Büchelchen, das, wie ich glaube, schon in 60 000 Exemplaren verbreitet ist, oder vielleicht in noch mehr, geschrieben hat über den Sozialismus. Spengler hat ja ungefähr die Anschauung, daß diese europäische, diese abendländische Zivilisation überhaupt sich ihr Grab gräbt. Wenn das Jahr 2200 geschrieben sein wird, so wird man nach Spengler auf dem Boden der Barbarei leben. Man muß Spengler Recht geben in bezug auf gewisse Seiten seiner Ausführungen; denn wenn die europäische Welt dabei bleibt, sich so weiter entwickeln zu wollen, wie sie es jetzt tut, so wird, wenn das dritte Jahrtausend beginnt, alles barbarisiert sein. In dieser Beziehung hat Spengler vollständig recht; nur sieht Spengler nicht und will nicht sehen, wie aus dem Inneren des Menschen der schattenhafte Verstand zu Imaginationen und damit die ganze Menschheit des Abendlandes zu einer neuen Kultur erhoben werden kann. Diese Belebung der Kultur durch das, was anthroposophische Geisteswissenschaft will, das sieht nämlich ein Mensch wie Oswald Spengler nicht. Aber er hat den Gedanken, der Sozialismus — der richtige Sozialismus, wie er meint, dieser Sozialismus, der wirklich ein soziales Leben herbeiführt -, der müsse noch vor diesem Untergange entstehen; es habe noch die Menschheit des Abendlandes die Mission, den Sozialismus zu verwirklichen. Aber, sagt Oswald Spengler, die einzigen Menschen, die berufen sind, den Sozialismus zu verwirklichen, das sind die Preußen. Daher hat er das Büchelchen geschrieben «Preußentum und Sozialismus». Jeder andere Sozialismus ist nach Spengler falsch, lediglich derjenige, der im Wilhelminischen Zeitalter seine ersten rosigen Strahlen gezeitigt hat, lediglich dieser Sozialismus müsse die Welt erobern; dann werde die Welt den wahren, den richtigen Sozialismus erleben. So spricht heute ein Mensch, den ich zu den genialsten Menschen der Gegenwart zu zählen habe. Es kommt nicht darauf an, die Menschen zu beurteilen nach dem Inhalte dessen, was sie sagen, sondern es kommt darauf an, die Menschen nach ihrer geistigen Kapazität zu beurteilen. Dieser Oswald Spengler, der fünfzehn Wissenschaften beherrscht, ist natürlich «gescheiter als alle die Schreiber, Doktoren, Magister und Pfaffen» und so weiter, und man kann schon sagen, er hat mit seinem Buch über den Untergang des Abendlandes etwas hingestellt, was Berücksichtigung verdient, was ja übrigens auch namentlich in der Jugend Mitteleuropas einen ungeheuer tiefen Eindruck macht. Aber daneben steht die Idee, die ich nunmehr jetzt ausgeführt habe, und Sie sehen, wie heute gerade genialische Menschen zu den ausgefallensten Ideen kommen können. Man ergreift Verstand, der heute wirkt, und der ist schattenhaft. Die Schatten huschen hin, man ist in einem Schatten drinnen, dann huscht man den anderen nach, nichts lebt. Es ist ja auch in der Silhouette, in dem Schattenbild einer Frau, das auf die Wand geworfen wird, ihre Schönheit gar nicht zu erkennen, und so ist es, wenn die Sachen in Schattenbildern betrachtet werden, auch. Das Preußentum im Schattenbilde ist durchaus zu verwechseln mit dem Sozialismus. Wenn eine Frau der Wand den Rücken zuwendet und ihr Schatten auf die Wand fällt, dann kann man die Häßlichste für schön halten; in gleicher Art kann man auch das Preußentum für den Sozialismus halten, wenn der schattenhafte Verstand dasjenige, was die Genialität ist, innerlich durchsetzt.

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Cite: GA 204/1921-04-30/p031 · edition original