Achter Vortrag
Wenn wir den Menschen als Gedankenwesen betrachten, so geschieht es ja deshalb, weil wir im Wachzustande, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wahrnehmen, daß er seine sonstigen Erlebnisse mit Gedanken, mit dem Inhalt seines Denkens begleitet. Diese Gedankenerlebnisse kommen einem so vor, als ob sie auf irgendeine Weise im Inneren des Menschen entstehen und als ob sie in einer gewissen Weise für die Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, also für den Schlafzustand, aufhören würden. Und weil man der Meinung ist, Gedankenerlebnisse seien für den Menschen eben da, so lange er wacht, verlieren sich aber im Schlafe in irgendein Unbestimmtes, über das man sich nicht weiter Aufklärung zu verschaffen versucht und man sich die Sache eben so vorstellt, so kann man eigentlich über den Menschen als Gedankenwesen sich nicht aufklären. Eine feinere Beobachtung, die ja noch gar nicht besonders stark vorrückt bis in diejenige Region, die ich gezeichnet habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zeigt, daß das Gedankenleben durchaus nicht jenes Einfache ist, als das man es sich gewöhnlich vorstellt. Wir brauchen nur dieses gewöhnliche Gedankenleben, das grobe Gedankenleben, dessen jeder gewahr wird, der eben den Menschen zwischen Aufwachen und Einschlafen betrachtet, zunächst zu vergleichen mit einem für das gewöhnliche Bewußtsein allerdings problematischen Element, mit dem Element des Träumens.
Cite:
GA 205/1921-07-08/p004 · edition original