Achter Vortrag
Der Mensch umfaßt eigentlich mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein nur seine Gedanken; seine Gefühle sind schon wie unter den Gedanken schwimmende Träume. Gefühle tauchen auf, fluten ab. Der Mensch durchschaut sie nicht in der Klarheit, in der er seine Gedanken, seine Vorstellungen durchschaut. Aber ganz gleich mit dem Erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ist das Erleben desjenigen, was in uns während des Tages willensmäßig ist. Und was weiß der Mensch - so sagte ich Ihnen oft - von dem, was vorgeht, wenn er durch den Willen seine Hand oder seinen Arm bewegt! Er kennt das alles vorstellungsgemäß, er weiß zuerst: Ich will meinen Arm bewegen. Das ist eine Vorstellung. Er weiß dann, wie das aussieht an seiner Gestalt, wenn er den Arm bewegt hat: wieder Vorstellung. Was er davon in seinem gewöhnlichen Bewußtsein weiß, das ist ein Gewebe von Vorstellungen; unter diesem Gewebe von Vorstellungen fluten Gefühle. Aber was da als Wille in ihm wirkt, das schläft auch während des Wachens geradeso stark, wie unser ganzer Mensch schläft vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
Cite:
GA 205/1921-07-08/p022 · edition original