Lecture IV

GA 206/1921-08-20/p036 ·1921-08-20 · original (original)
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Sie werden leicht sich die Vorstellung bilden können, daß die Pflanze, indem sie sich aus jenen Vorstadien heranentwickelt, wo das Blatt entsteht, bis zur Befruchtung, in sich Kräfte entfaltet, die ihre Kulmination erreichen eben im Momente der Befruchtung. Dann aber beginnt der absteigende Weg, dann zerfällt die Pflanze wiederum. Und indem Sie diesen Kreislauf des Pflanzlichen betrachten, werden Sie das eigentliche Wesen der Pflanze sehen. Wie gesagt, die mehrjährige Pflanze und solche Pflanzen, die einen Stamm zurücklassen wie der Baum, die sollen uns jetzt nicht beschäftigen. Es würde dasjenige, was ich bei der einjährigen Pflanze sagte, die bei der einmaligen Befruchtung ihrem Ende entgegengeht, nur komplizierter sein; aber das eigentliche Wesen erfassen wir an dem Wesen derjenigen Pflanze, die in der Befruchtung zugleich ihrem Ende entgegengeht. Richtig betrachtet liegt das Pflanzliche gerade in dem Leben, das in der Befruchtung kulminiert und, indem es in der Befruchtung kulminiert, nach der andern Seite absteigt. Darinnen liegt das Pflanzliche. Suchen wir das Wesen der Pflanze, so müssen wir ähnlich suchen, wie wir beim Menschen sein Ich-Wesen suchen müssen in dem kontinuierlichen Sterben. Wir sagen beim Menschen, der Tod, mit dem er zunächst sein physisches Wesen endet, der ist eigentlich als Kraft immer in ihm. Wenn er geboren wird, fängt er an zu sterben, fängt er an, ich möchte sagen, Differentiale des Sterbens zu entwickeln, er stirbt fortwährend. Es ist der Sterbeprozeß in ihm. Bei der Pflanze ist dasjenige fortwährend da, was zuletzt kulminiert. So wie wir im Tode kulminieren, so kulminiert sie in der Befruchtung. Wie wir unser inneres Wesen, unser Ich im Tode gerade erfassen, so erfaßt man das Wesen der Pflanze in der Befruchtung. Die Pflanze lebt in der Befruchtung auf; was sich im Blatt entwickelt, ist nur eine Metamorphose, ist nur eine Vorstufe der Befruchtung.

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