Vierter Vortrag
Sehen Sie, indem wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in der Welt leben, nehmen wir fortwährend durch unsere Sinneswahrnehmungen die Eindrücke von der Außenwelt auf. Wir bilden uns Vorstellungen davon, wir durchdringen diese Vorstellungen mit unseren Gefühlen. Wir gehen über zu unseren Willensimpulsen. Wir durchdringen das alles. Aber das bildet in uns eine Art abstrakten Lebens, eine Art Bildlebens zunächst. Und wenn Sie, ich möchte sagen, nach innen schauen, zu demjenigen, was sich da von den Sinnesorganen nach innen als seelisches Erleben der Außenwelt innerlich bildet, so ist das ja Ihr seelischer Inhalt. Es ist der seelische Inhalt des Menschen, der im höheren Wachbewußtsein darstellt zwischen Geburt und Tod, was ihm die Außenwelt gibt. Sein Inneres nimmt das gewissermaßen auf. Wenn ich schematisch dieses Innere so zeichne: Dann wird im Wahrnehmen die Welt gewissermaßen hereingeschickt (Zeichnung S. 73, rot) und wird von Gefühls- und Willenskräften innerlich durchzogene Welt, die sich da drinnen preßt in dem menschlichen Organismus. Wir tragen eigentlich eine Anschauung der Welt in uns; aber wir tragen eine Anschauung der Welt in uns dadurch, daß die Wirkungen, die Eindrücke der Welt in uns sich pressen. Und wir können im gewöhnlichen Bewußtsein das Schicksal dessen, was da eigentlich mit den Eindrücken der Welt in uns vorgeht, gar nicht völlig durchschauen. Was da in uns hineindringt und was in uns so lebt, daß es - in gewissen Grenzen - ein Bild des Kosmos ist, das ist so, daß es durchtränkt wird nicht nur von den Gefühlen und den innerlichen Willensimpulsen, die uns ins Bewußtsein kommen, sondern es wird überhaupt von alldem, was da im Menschen drinnen lebt, durchpulst. Dadurch bekommt es eine gewisse Tendenz. Es wird, solange wir leben bis zum Tode hin, zusammengehalten vom Leibe. Indem es durch die Pforte des Todes dringt, nimmt es vom Leibe mit, was man nennen kann einen Wunsch, fortzusetzen, was es im Leibe geworden ist: den Wunsch, Menschenwesenheit anzunehmen. Wenn wir unser inneres Seelenleben durch den Tod tragen, bekommt es den Wunsch, Menschenwesenheit anzunehmen.
Cite:
GA 207/1921-10-01/p020 · edition original