Elfter Vortrag
Im Laufe der letzten Betrachtungen zeigte es sich uns, wie grundverschieden des Menschen ganze Anschauung ist, je nachdem er hier zwischen der Geburt und dem Tode oder aber in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. Und wir haben gestern gesagt, daß der Mensch in unserem gegenwärtigen Zeitalter, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, hier zwischen der Geburt und dem Tode sich erwerben kann die Freiheit, daß dann alles, was er vollbringt aus dem Impuls der Freiheit heraus, seinem Wesen in dem Leben zwischen dem Tod und neuer Geburt gewissermaßen Schwere, Realität, Sein gibt. Gerade wenn wir loskommen hier von den Notwendigkeiten des irdischen Daseins, wenn wir uns erheben zu Motiven für unser Wollen, die frei sind, wenn wir also für unser Wollen nichts aus dem Irdischen heraus nehmen, dann zimmern wir uns dadurch die Möglichkeit, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auch ein selbständiges Wesen zu sein. Nur gehört zu diesem gewissermaßen Sein-Selbst-Bewahren nach dem Tode in unserem Zeitalter dazu, was man nennen kann die Beziehung zu dem Mysterium von Golgatha; und man kann ja dieses Mysterium von Golgatha von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachten. Wir haben schon eine große Anzahl von Gesichtspunkten im Laufe der Jahre eingenommen; wir wollen es heute einmal von dem Gesichtspunkte, der sich ergibt durch die Betrachtung des Wertes der Freiheit für den Menschen, anschauen.
Cite:
GA 207/1921-10-16_02/p003 · edition original