Elfter Vortrag

GA 207/1921-10-16_02/p008 ·1921-10-16 · original (original)
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Dieses Scheinleben, das wir als unser waches Wahrnehmungsleben haben, es war nicht immer so innerhalb der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Wenn wir zurückgehen in alte Zeiten, in die wir ja schon öfter den Blick zurückgeworfen haben, wo ein gewisses instinktives Schauen vorhanden war oder das, was Nachzügler ist dieses instinktiven Schauens, was ja als Nachzügler gewissermaßen noch fortgedauert hat bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, wenn wir da zurückblicken, so können wir nicht im gleichen Sinne sagen, daß der Mensch in seinem wachen Zustande nur eine Scheinwelt um sich hatte. Durch den Schein hindurch sprach ja für den Menschen alles das, was er in seiner Art als den geistigen Hintergrund der Welt sah. Er sah allerdings auch diesen Schein, aber in anderer Weise. Es war dieser Schein für ihn Ausdruck, Offenbarung einer geistigen Welt. Diese geistige Welt ist hinter dem Scheine verschwunden. Der Schein ist geblieben. Das ist das Wesentliche in der Fortentwickelung der Menschheit, daß ältere Zeiten den Schein als die Offenbarung einer göttlich-geistigen Welt empfunden haben, daß aber aus diesem Schein die göttlich-geistige Welt verschwunden ist und der Schein heute dem Menschen vor Augen liegt, damit er innerhalb dieser Scheinwelt seine Freiheit finden kann, daß also der Mensch seine Freiheit in einer Scheinwelt finden muß, daß er in der wahren Welt, die ganz zurückgetreten ist in die dumpfen Erlebnisse des Inneren, keine Freiheit, sondern nur eine Notwendigkeit findet. Man kann also sagen: Lebt der Mensch zwischen Geburt und Tod - alles das, was ich sage, gilt nur für unser Zeitalter -, so ist seine Wahrnehmungswelt eine Scheinwelt. Er nimmt die Welt wahr, aber er nimmt die Welt als Schein wahr.

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Cite: GA 207/1921-10-16_02/p008 · edition original