Vierzehnter Vortrag
Dieses Betätigen des menschlichen Verstandes, der dann alles ins Abstrakte hineingestaltete, das finden wir insbesondere im Römertum. Das Römertum entwickelte ja ein trockenes, ein abstraktes Wesen, ein bildfremdes Wesen, ein Wesen, das in den Verstandesformen leben wollte. Während wir durch den Griechen noch immer das Gefühl haben: die Göttergestalten, also das, was als Elementares der Welt, der Natur zugrunde lag, das habe ein inneres Leben, sind die römischen Götter Abstraktionen, haben einen starren, steifen Begriffscharakter. Das logische Wesen nimmt überhand gegenüber dem früheren imaginativen Wesen, das noch in Griechenland so stark ausgebreitet war. Alles, was die Römer noch an Imagination gehabt haben, entstammte ja Griechenland. Die Römer haben das Prosaelement, das Element der Logizität hinzugebracht und haben es dann auch als Romanismus in die späteren Zeiten fortentwickelt, daher dann die lateinische Sprache jenen logischen Charakter angenommen hat, durch den sie so lange Zeit hindurch kulturgestaltend gewirkt hat.
Cite:
GA 208/1921-10-23/p014 · edition original