Achtzehnter Vortrag
Vorstellungen haben und Sinneswahrnehmungen haben, heißt nun aber, nicht im Leibe leben. Es ist durchaus ein Verkennen, wenn man glaubt, erst das imaginative, das inspirierte und das intuitive Erkennen führen den Menschen in die geistige Welt hinein. Nein, der Mensch lebt schon in der geistigen Welt, wenn er Sinneswahrnehmungen hat und wenn er Vorstellungen bildet. Denn wir haben ja gesehen, daß die Sinneswahrnehmungen daran geknüpft sind, daß überhaupt schon tote Materie, rein physische Apparate in unseren Organismus eingelagert sind, die nur vom Ätherleib durchzogen werden; aber sie sind eingelagert. Und indem wir in diesem physischen Apparat erleben, erleben wir die Sinneswahrnehmung. Der physische Apparat wird nicht erlebt; das Geistige, das darinnen vorgeht, wird erlebt. Seinem Wesen nach ist der Inhalt der Sinneswahrnehmung durchaus geistig. Nur, wie wir das letzte Mal gesehen haben, breiten wir im Vorstellen gewissermaßen die Sinnestätigkeit über die Nervenorganisation aus. Die Nerventätigkeit besteht eigentlich in einem Absterben. Es muß die organische Tätigkeit gerade ausgeschaltet werden, wenn wir vorstellen wollen. Daher leben wir, indem wir Sinneswahrnehmungen haben und Vorstellungen haben, durchaus im Geistigen. Aber wir leben als Menschen, die da leben zwischen Geburt und Tod, dieses Leben im Geistigen dadurch, daß wir von ihm, von diesem Leben, nur Bilder haben. Das ist das Eigentümliche, daß uns das Geistige zunächst in den Sinneswahrnehmungen und in den Vorstellungen bewußt wird, aber nur in Bildern. So daß wir sagen können (siehe Darstellung Seite 127): Sinneswahrnehmungen, Vorstellungen sind geistiges Erleben, aber in Bildern. Bei den Vorstellungen sind wir uns ja bewußt, sie tragen als solche einen abstrakten Charakter, sie sind nicht intensiv gesättigte Bilder. Es wird grau, möchte man sagen, wenn man von den Sinneswahrnehmungen zum Vorstellungsleben zurückgeht. Aber nur für unser Bewußtsein wird es grau. In Wirklichkeit enthalten alle Vorstellungen, die der Mensch entwickelt, Imaginationen.
Cite:
GA 208/1921-11-04/p011 · edition original