Dritter Vortrag
Die Religionen der heutigen Zeit spekulieren ja zu sehr auf den menschlichen Egoismus. Sie huldigen auf der einen Seite der Trägheit, indem sie den Menschen nicht anspornen zu eigener, innerer, gefühlsmäßiger und willensmäßiger Erarbeitung des Ewigen, und sie huldigen auf der andern Seite dem Egoismus, indem sie von dem ewigen Leben nur als von demjenigen sprechen, was nach dem Tode da sein wird, nicht von demjenigen, was vor der Geburt beziehungsweise Empfängnis da war, und das wir heruntergetragen haben in die physische Welt. Ich habe schon das letzte Mal gesagt: Um von diesem Leben vor der Geburt zu sprechen, muß man von den selbstlosen Kräften des Menschen sprechen, während man nur vom Egoismus zu sprechen braucht, wenn man dem Menschen vom Leben nach dem Tode spricht. Und selbst dieses Reden vom Leben nach dem Tode nimmt noch in den heutigen Religionsbegriffen eine egoistische Form an. Es wird so an den Menschen herangebracht, daß der Mensch vor allen Dingen seine Begierde befriedigt. Wenn die Religionen den Menschen ein Wohlgefallen beigebracht zu haben vermeinen, so daß der Mensch ein Seelenleben egoistisch führen kann, dann glauben sie genug getan zu haben. Was aber durch eine wirkliche geistige Erfassung der Welt wiederum in die ganze Menschheit hineinkommen soll, das ist, daß wiederum in einer unegoistischen und in .einer ewigen Weise des Menschen ganzes Leben aufgefaßt und auch; von Erziehern, Lehrern und so weiter gestaltet wird.
Cite:
GA 209/1921-12-04/p006 · edition original