Neujahrsbetrachtung
Auf der andern Seite schaut der Mensch zu demjenigen, was das Naturdasein ausmacht, zu dem er ja auch gehört. Das Naturdasein stellte sich im Laufe der letzten Jahrhunderte so vor die menschliche Seele hin, daß es gewissermaßen alle Realität, alles wirkliche Sein verschlungen hat. Das Naturdasein mit seinen gegenüber dem Moralischen gleichgültigen Gesetzen läuft ab in äußerlicher Notwendigkeit, und der Mensch ist seinem alltäglichen Dasein nach in diese Notwendigkeit eingespannt. Wie man auch Anfang und Ende dieser Notwendigkeit begrenzt, es ist unmöglich, daß der Mensch, wenn er sich selbst innerhalb dieser Notwendigkeit empfindet, zu seinem eigentlichen Menschlichen kommt. Er muß vom Naturdasein aufblicken zu dem moralischen Welteninhalte. Er muß die moralischen Welteninhalte auffassen als dasjenige, was sein soll, was von ihm als Ideal betrachtet werden soll. Aber keine Erkenntnis von der heutigen Art zeigt ihm, wie die moralischen Ideale etwa einlaufen können in die Naturgesetze und das Notwendige in den Dienst des Moralischen gestellt werden kann.
Cite:
GA 210/1922-01-01/p004 · edition original