Neujahrsbetrachtung

GA 210/1922-01-01/p005 ·1922-01-01 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Für den heutigen Menschen zerfällt einmal die Welt in diese zwei für das Gegenwartsbewußtsein unvereinbaren Glieder: die moralische Welt und die materielle Welt. Der Mensch schaut hin auf Geburt und Tod, findet von ihnen eingesäumt dasjenige Dasein, von dem ihm allein die heute anerkannte Erkenntnis sprechen will. Der Mensch muß andererseits aufblicken zu einer Welt, die sich über Geburt und Tod erhebt, die gegenüber der stetig wandelbaren, eigentlichen materiellen Welt, eine ewige Bedeutung hat, und er muß verbunden denken sein seelisches Sein mit dieser ewigen Bedeutung der moralischen Welt. Aber die platonische Weltanschauung, welche noch den letzten Rest des Orientalismus enthalten hat, dahingehend, daß die äußere Sinneswelt ein Schein, eine Illusion ist, und die Ideenwelt die wahre, die wirkliche Welt ist, diese platonische Weltanschauung findet für den heutigen Menschen, wenn er im Gegenwartsbewußtsein stehenbleibt, keine Antwort.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/210/1922-01-01/p005.json
Cite: GA 210/1922-01-01/p005 · edition original