Westen, Osten und Mitte

GA 210/1922-01-07/p003 ·1922-01-07 · original (original)
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Zu den Betrachtungen, die in diesen Tagen über die Christus-Wesenheit angestellt worden sind, vor und nach Weihnachten, sei heute noch einiges hinzugefügt. Es sei diejenige Seite des Christus-Problems heute mit einigen Strichen gezeichnet, welche vorzugsweise eine Bedeutung für das Welt-Sozialproblem hat. Die Menschen haben gerade in dem gegenwärtigen Zeitalter die größte Notwendigkeit, über den Erdkreis hin zu einer Verständigung zu kommen. Und auf welche Angelegenheiten des Lebens wir heute auch hinblicken, von einer solchen Verständigung kann kaum irgend etwas bemerkt werden. Die Notwendigkeit zur Verständigung ist da. Nicht aber ist da, man möchte sagen die Begabung der Menschen, eine solche Verständigungsmöglichkeit zu finden. Wir sehen, wie über wichtige Angelegenheiten des Lebens heute versucht wird, zu beraten. Wir sehen, wie überall sich Kongresse abspielen. In den Tiefen der Menschenseelen sieht es gegenüber den Angelegenheiten, die auf solchen Kongressen zur Besprechung kommen sollen, anders aus als in den Worten, die da gewechselt werden. In den Worten, die da gewechselt werden, lebt viel Schein, und dieser Schein will den Eindruck erwecken, als ob überall der einzelne Mensch mit dem andern irgendwie einen Ausgleich oder ähnliches finden wolle. Aber nirgends kann ein solcher Ausgleich eintreten, denn im Grunde genommen sprechen heute nicht Menschen miteinander, sondern es sprechen die Angehörigen verschiedener Nationen miteinander. Es sprechen Menschen dem äußeren Scheine nach. Aus ihnen aber spricht dasjenige, was als ganz differenziertes Wesen der einzelnen Nationen lebt. Und da die Menschen nun eben einmal im gegenwärtigen Zeitalter so sind, daß sie bei den Worten nur auf den wörtlichen Inhalt sehen, nicht auf das, woraus die Worte kommen, worin die Worte wurzeln, weil sie nicht sehen auf die durchgreifenden Lebensverhältnisse, so wird eben gar nicht bemerkt, wie im Grunde genommen die Verschiedenheit der einzelnen Volksdämonen miteinander spricht, nicht aber der Mensch zum Menschen redet.

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Cite: GA 210/1922-01-07/p003 · edition original