Westen, Osten und Mitte

GA 210/1922-01-07/p010 ·1922-01-07 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Will man im Sinn des Westens das Christentum charakterisieren, so braucht man Philosophie, braucht man eine in moderne Gedankenformen gekleidete Weltanschauung. Will man das Christentum mit den Kräften des Ostens charakterisieren, so findet man solche Gedankenformen nicht, wenn man beim Volkstümlichen stehenbleibt. Man muß da, wenn man im äußeren sinnlichen Leben bleibt, zu anderem greifen. Man muß etwa die Empfindungen charakterisieren, die man sogleich findet, wenn man von dem Westen nach dem Osten immer weiter und weiter kommt, und die man schon in den Gegenden Mitteleuropas, die an den Osten angrenzen, finden kann. Man muß sich die Stuben der einfachen Leute ansehen, welche in einer Ecke einen Altar mit dem Muttergottesbilde haben; man muß sich ansehen, wie dieses Muttergottesbild behandelt wird von den Besuchern, die da ankommen. Der erste Gruß, der da überall gegeben wird, ist der an das Muttergottesbild; dann werden erst die Menschen, die etwa in der Stube sind, begrüßt. Es ist etwas, das aus allen andern Kräften der menschlichen Wesenheit hervorgeht, als etwa aus den abstrakt-ideellen Kräften. Es ist ein radikaler Gegensatz vorhanden zwischen dem innersten Empfinden gegenüber dem Göttlich-Geistigen wie es im Westen auf der einen Seite, im Osten auf der andern Seite ist. Aber alle diese Kräfte sind Wurzelkräfte, die sich weiter entwickeln können, die Blätter und Triebe und zuletzt Früchte treiben können, wenn sie sich nur gründlich selber verstehen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/210/1922-01-07/p010.json
Cite: GA 210/1922-01-07/p010 · edition original