Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit und die wiederholten Erdenleben
In dem spanischen Cyprianus-Drama tritt uns das ganze Lebendige dieses Christus-Ringens viel deutlicher entgegen als in der Theologie dieses Mittelalters, die sich ja an abstrakte Begriffe halten wollte, und die in ihre abstrakten Begriffe das Mysterium von Golgatha einfangen wollte. In der dramatisch-tragischen Lebendigkeit des Calderón lebt dieses mittelalterliche Ringen nach dem Christus, das heißt, nach dem Durchchristetwerden der menschlichen Natur. Und wenn man dieses Calderón-Drama von dem Cyprianus mit dem späteren Faust-Drama vergleicht - es ist das charakteristisch genug -, dann sieht man, da tritt zuerst bei Lessing das Bewußtsein auf: Der Mensch muß im irdischen Leben den Christus finden können, denn der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha gegangen und hat sich mit der irdischen Menschheit vereinigt. Nicht, daß das in klaren Ideen bei Lessing gelebt hat, aber ein deutliches Gefühl davon hat in Lessing gelebt. Und als er seinen «Faust» schreiben wollte - er hat ja nur ein kurzes Stückchen davon zu Papier bringen können -, endete er damit, daß den Dämonen, also denen, die noch den Cyprianus abhalten konnten, während des irdischen Lebens den Christus zu finden, zugerufen wird: «Ihr sollt nicht siegen!».
Cite:
GA 210/1922-02-18/p034 · edition original