Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit und die wiederholten Erdenleben
Damit war zu gleicher Zeit das Thema für den späteren Goetheschen «Faust» gegeben; und im Grunde genommen ist es auch noch beim Goetheschen Faust äußerlich, wie der Mensch sich zum Christentum findet. Nehmen Sie den ganzen Goetheschen «Faust», nehmen Sie den ersten Teil: Da ist das Ringen. Nehmen Sie den zweiten Teil: Da soll zunächst durch die klassische Walpurgisnacht, durch das Helena-Drama, das Aufnehmen des Christentums erfahren werden an der griechischen Welt. Dann aber weiß Goethe: Der Mensch muß hier im Erdenleben den Anschluß finden an Christus. Er muß daher seinen dramatischen Helden hinführen zu dem Christentum. Allein, wie führt er ihn hin? Es ist ja nur ein theoretisches Bewußtsein, möchte ich sagen. Goethe war ein zu großer Dichter, als daß man das nicht bemerkt, daß es nur ein theoretisches Bewußtsein war. Denn zuletzt ist schließlich doch nur im letzten Akt das Aufsteigen im christlichen Sinne an das ganze Faust-Drama angeleimt. Es ist gewiß alles großartig, aber es ist nicht aus der inneren Natur des Faust herausgeholt, sondern Goethe hat das katholische Dogma genommen. Goethe hat den katholischen Kultus genommen und hat den fünften Akt an die andern angeleimt. Er wußte, es muß der Mensch zu der Durchchristetheit geführt werden. Im Grunde genommen ist es nur die ganze Gesinnung, die im zweiten Teile des «Faust» lebt, die dieses Durchdringen mit dem Christus darstellt. Denn bildhaft konnte es auch Goethe noch nicht geben, und eigentlich ist es auch erst nach dem Tode des Faust, wo der ganze christliche Aufstieg entfaltet wird.
Cite:
GA 210/1922-02-18/p035 · edition original