{"corpus":"steiner","locus":"GA 211/1922-03-31/p015","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn der Mensch wachend, bewußt den ganzen Vorgang verfolgen würde, der beim Aufwachen sich abspielt, so würde er im Aufwachen sich jeden Morgen sagen: Daß mir nur ja mein physischer Leib nicht abhanden kommt, daß ich nur ja wiederum in diesen physischen Leib richtig hineinkomme! — Furcht hätte der Mensch davor, nicht richtig in den physischen Leib hineinkommen zu können. Der Grieche in der älteren Zeit wußte viel von dieser Furcht, und er wußte ebensogut: Der Ätherleib bekommt jede Nacht eine eigentümliche Neigung, in vier verschiedene Gestalten auseinander zu flattern, zu etwas zu werden, was engelartig ist, was löwenartig ist, was adlerartig ist und was ochsenartig ist. Man muß jeden Morgen vom astralischen Leib aus sich wieder bemühen, diese vier Glieder des Ätherleibes, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, so durcheinander zu synthetisieren, daß wiederum ein richtiger Mensch daraus wird. Aber die Griechen hatten das Leben im physischen und im Ätherleib gern. Ich habe Ihnen ja öfter jenen Ausspruch angeführt, der uns aus Griechenland herauftönt: «Lieber ein Bettler auf der Erde als ein König im Reiche der Schatten», in der Unterwelt. - Der Grieche liebte dieses physische Dasein. Er wollte also auch gestärkt werden in dem Besitzergreifen seines physischen Leibes, in dem Ähnlichwerden des Ätherleibes dem Menschen. Und sehen Sie, mit aus dieser Tendenz heraus entstand die Tragödie. Und Aristoteles noch gibt eine Definition von der Tragödie, von dem Trauerspiel, die deutlich darauf hinweist, daß im Grunde genommen die Griechen nicht die Tragödie sich so gedacht haben, wie der moderne Mensch sie sich denkt. Ich weiß nicht, ob jemand andere Erfahrungen hat, aber ich habe zumeist die Erfahrung gemacht, daß die Leute heute glauben, Trauerspiele gibt es aus dem Grunde, weil, wenn man den ganzen Tag über sich abgegeben hat mit dem, was eben der Tag bringt, man sich abends gern ein paar Stunden hinsetzt, um in einer mehr oder weniger aufregenden Art etwas zu erleben, was kein wirkliches Erlebnis, sondern nur ein Bild ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"V. Das Wesen des Menschen und sein Ausdruck in der griechischen Kunst","site_heading":null,"date":"1922-03-31","location":null,"word_count":326,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/211/1922-03-31/p015","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/211/1922-03-31/p015"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/211/1922-03-31/p015","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}