V. Das Wesen des Menschen und sein Ausdruck in der griechischen Kunst
So hat der Grieche in der Zeit, als die griechische Kultur eigentlich nach und nach entstanden ist, durchaus nicht gedacht. Dem Griechen war das Leben Eines, und alles, was er in das Leben hineingesetzt hat, das war ihm etwas, das eben wirklich der Gesamtheit dieses Lebens auch lebendig angehören sollte. Und die Tragödie war ihm das Mittel, damit der Mensch richtig seinen physischen Leib besitzen und seinen Ätherleib formen könne. Und die Tragödie wurde so ausgebildet, daß, indem der Mensch sie ansah, er Furcht und Mitleid empfinden sollte. Warum sollte der Mensch da in der Tragödie Furcht erleben? Er sollte Furcht erleben, weil durch das Erleben dieser Furcht gestärkt wird seine Kraft, den physischen Leib in der richtigen Weise an jedem Morgen in Besitz zu nehmen. Und Mitleid sollte er empfinden, weil dadurch sein astralischer Leib an jedem Morgen stärker gemacht wird, um den Ätherleib in der richtigen Weise zu formen. Setzt mir Tragödien vor, sagte der Grieche, dann bin ich imstande, meinen physischen Leib richtig in Besitz zu nehmen, meinen Ätherleib richtig aufzubauen, dann bin ich im vollsten Sinne des Wortes imstande, ein rechter Mensch zu sein. Der Grieche wollte ein rechter Mensch im Erdendasein sein. Dazu sollte ihm neben dem anderen, daß er in seine Kultur sich hineinstellte, auch das Trauerspiel, die Tragödie dienen. Natürlich setzt das voraus, daß man in jenen älteren Zeiten gewußt hat, wie das Geistig-Seelische, das Ich und der astralische Leib des Menschen, zusammenhängt mit dem Physischen und dem Ätherischen des Menschen.
Cite:
GA 211/1922-03-31/p016 · edition original